Zukunftsweisende Achtsamkeit: Lissome - L'OFFICIEL Germany
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Zukunftsweisende Achtsamkeit: Lissome

Die beiden Wörter stilvoll und nachhaltig schienen in der Geschichte der “Öko” Mode bislang kaum vereinbar. Das Gegenteil beweist die Online-Plattform LISSOME.
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Wie man der Mode – oder viel mehr dem aktuellen Modewandel in Richtung nachhaltiger Kleidung – ein neues und vor allem ästhetisches Image verleiht, zeigt Dörte Lange. In ihrem eigenen Onlinemagazin und Shop Lissome kuratiert die deutsche Art-Direktorin nicht nur eine erlesene Auswahl ethischer Brands, sondern wirbt im Vergleich zu konventionellen Modemagazinen durch inspirierendes Storytelling für umweltfreundliche und gleichermaßen stilbewusste Produkte.

Was hat dich zur Gründung von Lissome bewegt?
 
Ich habe Lissome in erster Linie gegründet, um einer neuen Generation von kleinen Modelabels, die nachhaltig produzieren und die gleichzeitig ein hohes Designbewusstsein haben, zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Mir ist es wichtig, mit dem schlechten Image von nachhaltiger Mode aufzuräumen und zu zeigen, dass guter Stil und faire und ökologisch verantwortungsvolle Produktionsbedingungen sich überhaupt nicht ausschließen. Ganz im Gegenteil – guter Stil zeichnet sich durch Achtsamkeit aus und das in allen Bereichen.

 

Immer mehr Labels und Designer geben an, nachhaltig und ethisch zu designen und zu produzieren. Welche Bilanz ziehst du aus deinen persönlichen Beobachtungen innerhalb der Modeszene?
 
Ich beobachte zur Zeit verschiedene Entwicklungen. Zum einen gibt es die “Conscious”-Kollektionen von Fast Fashion-Ketten wie H&M, Zara oder Asos. Obwohl ich generell jeden Schritt in die richtige Richtung begrüße, bin ich sehr skeptisch, ob man das jetzige Fast Fashion-System tatsächlich ressourcenschonend und menschenfreundlich umgestalten kann. Auch Luxusmarken besinnen sich wieder vermehrt auf ihre ökologische und kulturelle Verantwortung. Die Kering Group, zu der Marken wie Stella McCartney, Bottega Veneta, Balenciaga und Brioni gehören, hat eine “Environmental Profit & Loss” Methodik entwickelt, mit der nachhaltiges Handeln im Kern aller Geschäftsentscheidungen verankert wird.
 
Und dann beobachte ich gerade eine neue Welle von Unternehmensgründungen im Slow Fashion-Bereich, die ich persönlich hoch spannend finde. Hierbei handelt es sich vor allem um kleine Modelabels mit Pioniergeist, die nachhaltige Produktion als selbstverständlich empfinden und die großen Wert auf eine hohe Verarbeitungs- und Designqualität legen.
 

Was erwartest du heute von einem Designer, der durch seine Entwürfe die Zukunft erahnen oder den Zeitgeist kommentieren und vorantreiben soll?
 

In den Entwürfen, die ich heute auf den Runways oder auch auf den Straßen der Städte sehe, spiegeln sich zur Zeit kaum Kommentare wieder, die eine positive Zukunftsvision anbieten. Was ich mir wünschen würde ist eine neue Vision von Mode, die von Humanismus, Handwerkskunst und Achtsamkeit handelt und die das ohne in überholte Hippie-Klischees zu verfallen, kreativ und vielfältig zum Ausdruck bringen kann. 
Von Designern erwarte ich zunächst ein echtes Interesse an Materialien sowie an Herstellungsprozessen. Der Nachhaltigkeitsgedanke beginnt beim Design und ich hoffe, dass Designer in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen werden, um Mode neu zu denken. Design beschränkt sich meinem Verständnis nach nicht auf die äußere Gestalt, sondern ist ganzheitlich zu betrachten. Die Rückbesinnung auf Handwerkskunst und Materialverständnis ist essentiell, um intelligent und innovativ für die Zukunft zu gestalten. Spannend finde ich auch persönlich die Thematisierung von Genderfluidität. 

 

Nachhaltige High Fashion Labels und ihre fairen Qualitätsprodukte sind online oder in Boutiquen nur schwer oder gar nicht ausfindig zu machen. Ist Lissome der Beginn einer Lösung für dieses Problem?
 
Für mich ist die Online-Plattform nur ein Anfang und ich habe einen ganzen Berg von Ideen, die ich in Zukunft gerne umsetzen würde. Den Online Store, der ja gerade noch ganz am Anfang steht, möchte ich zunächst ausbauen und ein qualitativ hochwertiges and anspruchsvolles Angebot von Brands und Produkten erschaffen, die fair und umweltbewusst produzieren und denen Ästhetik ganz wichtig ist. Da aber auch die Haptik, die Sinnlichkeit der Stoffe und die Qualität der Verarbeitung für mich entscheidend sind, plane ich zunächst Pop-up Events, und ein Traum für die Zukunft wäre ein eigener Concept Store. Meine Veranstaltungsreihe möchte ich weiter ausbauen und mir schweben Events und Workshops vor, die sowohl informieren und inspirieren als auch ganzheitlich die Sinne ansprechen. Ich habe eine jährliche Print-Publikation angedacht, die neben Interviews mit spannenden Pionieren auch Fashion Editorials zeigen und aktuellen Strömungen und Innovationen im Modebereich Ausdruck verleihen soll.

Derzeit arbeitest Du noch von London aus, recherchierst aber regelmäßig in Berlin und wirst sogar bald nach Berlin ziehen. Ist die nachhaltige Fashion Szene in London weiter entwickelt als in Berlin oder umgekehrt?
 
Ich würde sagen, dass die nachhaltige Fashion-Szene in London etablierter ist und international relevanter. Besonders im Bereich der Forschung tut sich hier einiges und vom Centre for Sustainable Fashion und Fashion Innovation Agency gehen wichtige Impulse aus. Die weltweite Fashion Revolution Kampagne wurde in London ins Leben gerufen und bislang gibt es dort auch mehr Nachwuchslabels, die ästhetisch anspruchsvoll und nachhaltig produzieren. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass im Zuge des Brexit und der immer horrenderen Londoner Immobilienpreise, Berlin eine gute Alternative darstellen könnte. Was ich mir für Berlin wünschen würde, ist eine Zusammenarbeit zwischen der nachhaltigen Modeszene, den Modeuniversitäten und der Fashion Tech-Szene. Die verschiedenen Expertisen, die in der Stadt bereits vorhanden sind, könnten durch Kollaborationen viel voneinander lernen und gemeinsam richtungsweisend sein.
 

Lissome grenzt sich bewusst durch ästhetische Editorials, eine erlesene Produktauswahl und hochwertiges Storytelling vom typischen "Öko Fashion Stil" ab. Ist der Mangel an Ästhetik, die Art und Weise der Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit, vielleicht der Grund, warum nachhaltige Mode bis heute noch weitreichend negativ behaftet ist?
 
Es ist sicherlich ein Grund. Seit den 70er Jahren hat sich die nachhaltige Mode in verschiedenen Wellen entwickelt. Die ersten “alternativen” Modelabels wurden aus ökologischen Gründen ins Leben gerufen und ich denke, dass ein alternativer Look zunächst als bewusste Abgrenzung gewollt war. In den 90er Jahren folgten dann Labelgründungen, die bessere Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern zum Ziel hatten und bei denen das Design weniger Vordergrund stand. Ich bin aber überzeugt, dass Ästhetik und gutes Design ungeheuer wichtig sind und keine Nebensächlichkeit sein dürfen. Ästhetik und Schönheit geben unserem Leben Sinn, weil sie uns mit unserer eigenen Schaffenskraft und der Schaffenskraft der Natur in Verbindung bringen. Auch überdenken und verändern wir unser Verhalten selten aus rein rationalen Gründen. Gefühle, Sehnsüchte und Sinnlichkeit inspirieren uns und sind oft treibende Kraft.

Der Soziologe Thomas Schneider erklärt, dass sich „die relative Kurzlebigkeit auf den Anfang und das Ende einer Mode bezieht. Das heißt, dass nur dann von Mode gesprochen werden sollte, wenn nicht nur etwas Neues kommt, sondern wenn dieses Neue auch relativ schnell wieder verschwindet.“ Laut Trendforscherin Li Edelkoort befinden wir uns in einem langfristigen Modewandel in Richtung langlebiger Kleidung. Kann die Mode überhaupt nachhaltig sein?
 
Ich denke nicht, dass es zur Zeit möglich ist, schnelllebige Modetrends fair, umweltschonend und noch dazu preiswert herzustellen. Zumindest nicht in großen Mengen und für den globalen Konsumenten. So viele Faktoren spielen hierbei eine Rolle und wir als Konsumenten haben aus den Augen verloren, wie viel Aufwand hinter der Herstellung unserer Kleidung steht. Li Edelkoorts ‘Anti-Fashion Manifesto’ ist ein wichtiger Weckruf für die Modeindustrie. Mode, die zum Wegwerfprodukt wird, verliert ihre kulturelle Relevanz und ihren Humanismus. Ich denke zur Zeit ist gerade ein Innehalten notwendig, um unsere Kleidung neu wertzuschätzen, uns auf die Qualität von Materialien und Herstellungskunst zu besinnen und zu reflektieren, welche Art von Kleidung uns und unserer Umwelt gut tut und unsere Seele beflügelt. Ich hoffe, dass die Verbindung von Handwerkskunst und Sinnlichkeit mit Kreativität und Innovation zukünftig entscheidend sein werden.
 
Lieben Dank für deine Zeit!

Credits
 
Photography: Maaike Mekking
Styling: Stephanie Jean Weber
Make-up: Lilian Komor 
Models: Piper Grace, Estelle Digridi, Claudia Archer 
Model Agency: Shemornay
 
Photography: Yannick Schütte 
Styling: Sophia Schwan
Make-up: Natalia Vermeer
Models: Yulha, Zaira
Model Agency: M4 Models
Sandstone Sculptures: Ekkehard Koch

Autorin: Eliza Helmerich, Gründerin des nachhaltigen Berliner Modelabels R.EH

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