Interview: Modefotograf Horst Diekgerdes

22.01.2016

[caption id="attachment_8141" align="alignnone" ]IMG_4100 Horst Diekgerdes während seiner Buch-Präsentation im Store von Andreas Murkudis[/caption] "Mode ist wie Rap" – der Fotograf Horst Diekgerdes über Kindheitsphantasien, die englische Kulturszene und was man in seinem Beruf von Rettungssanitätern lernen kann Wenn man den Hinterhof zum Laden von Murkudis in der Potsdamer Straße betritt, kann man durch die großen Glasfenster der weißen Backsteinwand einen ersten Blickkontakt mit verschiedenen Objekten der Begierde aufnehmen: Céline Taschen, wertvolles Porzellan und andere Designobjekte schauen einen mit einer so umwerfenden Aura an, dass man meint, sie würden einen mindestens genauso wollen, wie man die Dinger selbst. Auch heute wird der Blick durch die Fensterscheiben direkt erwidert, diesmal allerdings von den exzentrischen Bildern des Fotografen Horst Diekgerdes, die anlässlich seiner Bildband Präsentation bei Murkudis aufgehängt wurden. Als einer der wenigen Modefotografen hat Diekgerdes es mit seinen Aufnahmen in den Mainstream der Popkultur geschafft – höchste Zeit also, sein Werk in einer umfassenden Monografie zu veröffentlichen. Wie umfangreich dieses Werk ist, erahnt man spätestens beim Betrachten des 15 Meter langen Glastisches, auf dem Diekgerdes Bilder als bunte Collage angeordnet sind. Wir haben den Fotografen zehn Minuten lang vom Signieren seines Coffee Table-Buchs abgehalten: Was war denn der erste Bildband, den du dir gekauft hast? Mein allererster Bildband war der Ottokatalog, den bekam meine Mutter immer zugeschickt und schon als Sechsjähriger habe ich es geliebt, darin zu schmökern. Besonders die Unterwäschewerbung hat mir gefallen, sie war eine tolle Möglichkeit schöne Frauen in Dessous anzusehen. Darfst du das überhaupt schreiben? Klar doch – gegen Frauen in Unterwäsche spricht ja nichts. Dein eigener Bildband ist in Kollaboration mit Beda Achermann entstanden. Wie seid ihr an die Bildauswahl rangegangen? Ich hatte schon eine grobe Vorstellung davon, was in den Bildband kommen sollte und habe Beda einen Edit von 1000 Fotos gegeben. Nachdem wir dann alles gesichtet hatten, haben wir die Bilder anhand von Kriterien wie Exzentrik, Portrait oder Zwischenmomente ausgewählt. Dazu kamen noch Fotos aus meinem privaten Archiv und welche, die nie veröffentlicht wurden. Hast du ein Lieblingsfoto? Schwierige Frage. Das geht bei mir ein bisschen nach Tagesgefühl.. Jetzt gerade? (Er überlegt kurz und schaut sich um). Ich mag das Foto, das dort hängt, mit dem rosafarbigen Papierkleid von Bless. Die Designerinnen Desiree und Ines haben es extra für das Shooting angefertigt. [caption id="attachment_7299" align="alignnone" ]Audrey Marnay / iT Magazine / 1997 ©Horst Diekgerdes / Courtesy DISTANZ Verlag Audrey Marnay / iT Magazine / 1997 ©Horst Diekgerdes / Courtesy DISTANZ Verlag[/caption] Du hast für die besten Magazine und Modemarken der Welt fotografiert. Hast du eine Lieblingsanekdote von deinen zahlreichen Shootings? Wie heißt es so schön: Was auf dem Shooting passiert, bleibt auf dem Shooting. Gar nichts? Natürlich könnte ich jetzt irgendwas erzählen, aber die wirklich lustigen Sachen, die erzählt man nicht weiter. Über die lacht man nur als Insider-Witz. Wie bist du zur Fotografie gekommen? Ich habe mit 18 angefangen zu fotografieren. Damals nur zum Hobby, denn ich studierte Psychologie in Hamburg. Als mir klar wurde, dass ich mein Studienfach nicht als Beruf ausüben möchte, beschloss ich, mein Hobby zum Beruf zu machen – und jobbte zunächst als Fotoassistent. Meine fertige Diplomarbeit habe ich nicht einmal mehr abgegeben. Was wärst du geworden, wenn du kein Fotograf geworden wärst? Ich wäre heute Arzt. Warum? Während meines Zivildienstes war ich als Rettungssanitäter im Notarztwagen dabei. Das war für mich eine sehr prägende Zeit, in der ich gemerkt habe, dass ich gut darin bin, die Verantwortung für eine Situation und für ein Team zu übernehmen. Was du als Fotograf ja ebenfalls tun musst. Verbindet die Berufe noch etwas? In beiden spielt Empathie eine wichtige Rolle, denn ohne Empathie bist du weder ein guter Arzt, noch ein guter Fotograf. [caption id="attachment_8144" align="alignnone" ]IMG_4097 Ed. Beda Achermann: Horst Diekgerdes. Der Bildband ist seit dem 15.01. im Distanz Verlag erhältlich, ca. 48 Euro.[/caption] Ob man ein erfolgreicher Fotograf wird, hängt ja noch von einigen weiteren Faktoren ab. So heißt es etwa, wenn man in der Modefotografie etwas werden will, sollte man weg aus Deutschland und ins Ausland gehen. Auch du bist nach Paris und London gezogen und hattest dort deinen Durchbruch. Was kann eine Stadt wie Berlin, in der Mode und Kreative gefördert werden sollen, von der Kreativszene in Paris und London lernen? In England und Frankreich ist Mode wie Musik oder das Schreiben Teil einer Gesamtkultur und erntet ihren Respekt. Die Deutschen rümpfen über Mode häufig die Nase – Mode hat hier keinen so großen Stellenwert wie etwa Kunst oder Literatur. Die Engländer verstehen es zudem, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen und die Franzosen haben ein wirklich gutes Gespür für Luxus. Vielleicht ist es aber auch ein Mentalitäts-Ding und den eher ernsten Deutschen ist Mode zu leicht. Eine Grundidee von Mode ist ja Wechsel und Leichtigkeit – Eigenschaften, die für die Deutschen nicht ganz so typisch sind. Wobei das heutzutage ja im Wandel ist, die Welt ist größer geworden. Sicher kann man heute auch in Berlin als erfolgreicher Modefotograf gut leben. Nur überall schnell hinfliegen, das kann man nicht. Du bist gebürtiger Norddeutscher, oder? Mein sechsjähriger Sohn hat gerade so einen schönen Weltatlas bekommen und mich beim Betrachten gefragt, Papa, wo kommst du denn her? Auf dem Atlas gibt es bunte Bemalungen mit für die Region typischen Dingen. Dort, wo ich herkomme, ist ein Schwein. Man nennt es auch den deutschen Schweinegürtel: Massentierhaltung, katholische Diaspora, 80 Prozent CDU, 85 Prozent Katholiken. Puh... Das hört sich nicht gut an, oder? Deswegen bin ich da auch weg. Durchaus nachvollziehbar. Zurück zur Fotografie! Es schaffen nicht viele Modefotografen in den Mainstream der Popkultur einzugehen. Mit dem Cover für das Album „This is Hardcore“ der Brit-Pop Band Pulp ist es dir gelungen. Was war dein Erfolgsrezept? Der Cover-Erfolg war nicht allein mein Verdienst, sondern das Ergebnis einer Kollaboration mit Peter Saville, dem Art-Direktoren, Jarvis Cocker von Pulp und dem Künstler John Currin. Die Band war damals an einem Punkt, wo sie zwar unglaublich erfolgreich war, aber gar nicht mehr wusste, was sie mit all dem Fame und den Türen, die ihnen offen standen, machen sollten – der Titel ihres Albums „This is Hardcore“ sagt es ja bereits. Das Konzept für das Cover war stark an ihre Texte angelehnt und das Shooting ging über mehrere Tage.

Tb fridayMy one and only recordcover#pulp #petersaville# thisishardcore #johncurrin

Ein von Horst Diekgerdes (@horstdiekgerdes) gepostetes Foto am

Mehrere Tage für ein Motiv? Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. (Er zeigt auf ein Portrait von einem jungen Mädchen, das vor uns auf dem Tisch liegt, siehe Bild unten). Das hier wurde in fünf verschiedenen Städten aufgenommen, bevor es hieß, wir haben das Bild im Kasten – ein Bild war ein Prozess. Heute macht man auf einen Schlag digital ein 18-seitiges Editorial. Hat sich noch etwas verändert? Sicher ist auch die Herangehensweise eine andere geworden. Heutzutage ist Mode wie Rap Musik – man sampelt und stellt bereits da Gewesenes neu zusammen. Während man früher probiert hat, etwas ganz anderes zu machen, als das, was es auf den Schauen zu sehen gab, spielen die Stylisten heute mit den verschiedenen Modereferenzen der Designer und kombinieren sie. Es gibt also nichts komplett neues mehr, das Neue entsteht vielmehr durchs Sampling. Eine der wohl prägendsten Neuerungen unserer Zeit ist Instagram. Tillmann Prüfer, Style Director des ZEITmagazins, sagte auf der MODE & STIL Konferenz zur Berliner Fashion Week Kreativität sei eine Art Volkssport geworden – durch Instagram könne plötzlich jeder Fotos machen, bearbeiten und sie einer Öffentlichkeit zeigen. Ich bin gegenüber Medien oder Kommunikation absolut nicht nostalgisch. Jede gesellschaftliche oder ökonomische Situation produziert eben ihre Umstände und Verkaufstechniken – das finde ich völlig ok und das muss auch kein Killer für Kreativität sein. Im Gegenteil, auch ich mache gerne Fotos mit dem iPhone und finde die visuellen Möglichkeiten durch schnellere Kameras mit höherer Auflösung absolut phantastisch. IMG_4092 Beeinflusst dich denn Instagram bei deiner Arbeit? Nein, ich nutze es nur, wenn ich Lust drauf habe, es ist für mich weder ein Bestätigungsfeld, noch ein Businesstool. Ich finde es manchmal amüsant Sachen zu sharen und folge gewissen Leuten auch eher aus Sympathie als aus Begeisterung für ihren Content. Ich finde, das sollte man alles nicht so ernst nehmen, oder? Aber ich verstehe auch, dass Firmen und bestimmte Leute daraus ein Business machen, man durchblickt ja, wie das funktioniert. Es gibt Leute und Fotografen, die das aus Fun machen, weil sie was teilen wollen aber auch diejenigen, die das richtig als Business betreiben. Beides ist ok, man hat ja die Wahl, man hat heute so viele Wahlen, dass man gut im Edit sein muss. Was macht Horst Diekgerdes in 10 Jahren? I don't know. Einen Wunsch? Ja, mich lebendig fühlen. Danke für das Gespräch! [caption id="attachment_8143" align="alignnone" ]IMG_4102 Horst Diekgerdes und Lea Busch[/caption]