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Interview: Troye Sivan

22.12.2015

[caption id="attachment_6376" align="alignnone" ]HEADER_Troye Sivan_2015 ©Universal Music[/caption] Mit seinem Debütalbum „Blue Neighbourhood“ dürfte dem australischen YouTube-Star Troye Sivan 2016 der große Durchbruch gelingen YouTube ist ein machtvolles Instrument, wenn man es richtig einsetzt – es kann einem absoluten Nobody zu fünf Minuten heiß begehrtem Fame verhelfen, Minderheiten eine Plattform geben und Aufmerksamkeit für Nischenthemen generieren. Und es kann Karrieren anstoßen, wie im Fall von Troye Sivan. Mit 13 Jahren hat der australische YouTube-Star seine erste Song-Performance auf der Video-Plattform hochgeladen – heute besitzt der Channel des mittlerweile 20-Jährigen mehr als dreieinhalb Millionen Abonnenten und über 224 Millionen Total Views. In seinem fast täglich aktualisierten V-Log lässt Sivan seine Fans nicht nur an seinem musikalischen Talent teilhaben, sondern spricht über Themen, die ihn und seine Generation bewegen: Safer Sex. Life Goals. Coming-Out. Die Augenbrauen von Cara Delevigne. Kimyes Baby. Das Video, in welchem er sich offiziell vor seinen Fans als homosexuell outete, wurde seit seiner Veröffentlichung im August 2013 mehr als sechs Millionen Mal angeklickt. Noch im selben Jahr folgte der erste Plattendeal, 2014 dann seine erste EP „TRXYE“, die mit ihren, in sensible RnB-, Pop- und Minimal-Klänge gehüllten, Lyrics über vollgedröhnte Partynächte und sich wie Kaugummi ziehende Vorstadt-Tage („Happy Little Pill“) die Ängste seiner Generation einfing. Und die internationale Aufmerksamkeit auf den Jungen aus dem verschlafenen Perth lenkte. Mittlerweile hat der „X-Men Origins: Wolverine“-Schauspieler mehrere Awards im Regal stehen (zuletzt: Teen Choice 2014), zu seiner Fangemeinde zählen Stars wie Adele, Taylor Swift und Hedi Slimane, der ihn im Frühjahr für Saint Laurent auf den Runway geschickt hat. Auch seine musikalische Karriere hat Sivan in diesem Jahr weiter angeschoben – nach seiner zweiten EP „Wild“ ist vor wenigen Tagen sein Debütalbum „Blue Neighbourhood“ erschienen. Wir haben mit dem australischen Künstler über seine Rolle als homosexueller YouTube-Star und Musiker, sein neues Album und seine Arbeit mit Hedi Slimane gesprochen. Du hast deine Karriere gestartet, indem du ein Video, das dich beim Singen zeigt, auf Youtube hochgeladen hast. Wie hat sich das für dich damals angefühlt? Es war wirklich ziemlich enstpannt, da ich ganz ohne Erwartungen an die Sache herangegangen bin. Im Jahr 2007 war die Plattform gerade mal ein Jahr alt – so etwas wie „YouTube famous" gab es damals noch nicht. Es war eher so, als würde man in einen leeren Raum rufen. Erst als ich plötzlich 1000 Views hatte, habe ich realisiert, dass sich da gerade echte Menschen meine Videos ansehen. Da hat das ganze dann eine Bedeutung bekommen. Diesen Oktober hast du deine erste Live-Gig Tour gestartet. Ist es anders, live in einer vollgepackten Konzerthalle zu seinen Fans zu sprechen als über das Internet? Live zu spielen ist viel nervenaufreibender. Ich glaube, die größte Show die ich seit Oktober gespielt habe, war vor 1.000 Leuten. Das war großartig. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, vor 100.000 Menschen zu spielen. Natürlich macht es mich stolz, dass sich tausende von Menschen meine Videos anschauen. Trotzdem. Das unbeschreibliche Gefühl, live vor einem großen Publikum aufzutreten, kann man damit nicht vergleichen. Du hast ein Publikum unmittelbar vor dir stehen, das deine Texte mitsingt, kannst die Gesichtsausdrücke erkennen. Dies sind alles Dinge, die du online nicht bekommen kannst. Ist es online überhaupt möglich, eine Beziehung zu seinen Fans aufzubauen? Und wie sieht die dann aus? Es ist auf jeden Fall eine Konversation. In den Kommentaren oder auch auf Twitter bekomme ich sehr viel Feedback und weiß ziemlich genau, was meine Fans interessiert und was nicht. Man könnte es schon fast als eine Art Kollaboration bezeichnen – insofern beeinflussen meine YouTube-Fans die Inhalte meiner Videos sehr. Ich nutze meinen Channel aber natürlich auch für Themen, die mir persönlich besonders am Herzen liegen und für die ich ein größeres Publikum sensibilisieren will. Time Magazine hat dich 2014 als einen der einflussreichsten Teens unter 25 ernannt. Fühlst du so etwas wie eine Art Verantwortung deinen Fans gegenüber?  Ich begreife es als sehr große Chance für mich. Wenn ich für ein bestimmtes Thema brenne oder wenn mich Dinge wütend machen, habe ich heute das Gefühl, dass ich etwas unternehmen kann. Ich habe diese Plattform, über die ich viele Menschen erreiche. Wenn ich also etwas, das mich frustriert, offen thematisiere, hoffe ich, dass sich jemand im Publikum angesprochen und in seinen Problemen verstanden fühlt. Nehmen wir mein Coming Out, was ich auf YouTube hatte, als Beispiel dafür. Als ich klein war gab es keine offen homosexuellen Künstler oder Vorbilder, zu denen ich hätte aufschauen können. Daher versuche ich aktiv, meine Fans in dieser Hinsicht zu unterstützen. Künstler wie Lance Bass von *NSYNC oder Ricky Martin haben sich erst lang nach ihrem Karriere-Höhepunkt geoutet. Du hast dich dazu entschieden, dein offizielles Coming Out an einem sehr frühen Punkt deiner Karriere zu haben. Was für eine Bedeutung hatte es für dich, vollkommen selbstständig über den Zeitpunkt entscheiden zu können?  Ich war natürlich sehr ängstlich. Gleichzeitig wollte ich dieses Thema aus dem Weg schaffen, bevor irgendetwas passiert. Es war immer mein Traum, Sänger zu werden und ich hatte schon befürchtet, früher oder später dieses ganze “Ich bin gay!”-Magazin-Cover-Ding durchmachen zu müssen. Ricky Martin und Lance Bass haben sich beide erst nach ihrer Karriere geoutet und mussten ihr halbes Leben geheim halten – mir war klar, dass ich das nicht wollte. Also habe ich mich dazu entschieden, mich in einem meiner YouTube-Videos zu outen. Natürlich war das ein Risiko und hätte potenziell das Ende meiner Karriere bedeuten können. Aber es ist anders gekommen. Darauf bin ich sehr stolz. Ich kann all das machen, was ich jemals machen wollte. Gleichzeitig ist dies auch ein Beweis dafür, wie toll mein Publikum ist. Auch eine Horde Mädchen kann zu einem Konzert eines offen homosexuellen Künstlers erscheinen und dabei vollkommen durchdrehen. Diese Leidenschaft für meine Musik bedeutet mir sehr viel. Dein Album “Blue Neighbourhood” erscheint im Dezember. Was hat dich zur Kreation des Albums inspiriert und worauf bezieht sich der Titel? Die letzten eineinhalb Jahre waren sehr intensiv. Es hat sich viel verändert. Und ich hatte viel Zeit, um über diese Veränderungen nachzudenken. Ich wollte eine Art Tagebuch über die Zeit schreiben, die ich mit meinen 20 Jahren gerade durchlebe – man wird unabhängiger, verlässt zum ersten Mal seinen Heimatort, hat die ersten Beziehungen und prägende Erlebnisse mit Freunden. Das Album ist eine Art Konversation mit mir selbst und zeichnet die antagonistische Beziehung “Zuhause sein und weg von Zuhause sein” nach. Ich liebe meinen Heimatort Perth sehr. Es ist gemütlich dort, mein Zuhause eben. Gleichzeitig wollte ich immer daraus ausbrechen, die Welt sehen und genau das tun, was ich jetzt mache. Jedoch vermisse ich mein Zuhause schrecklich, wenn ich auf Reisen bin. Und kehre ich zurück, denke ich schnell wieder: „Okay und war wartet da draußen auf mich?“ “Blue Neighbourhood” ist eine Textstelle aus meinem Song „Wild“– dieser Ausdruck fasst genau das zusammen, was ich über mein Zuhause fühle. Blau ist so eine nostalgische, melancholische Farbe und genau das trifft dieses Gefühl. Kennst du das, wenn man gleichzeitig traurig und glücklich ist? Man erinnert sich an die schönen Momente und ist zugleich traurig, dass sie vergangen sind. Mein Album handelt davon erwachsen zu werden und sich gleichzeitig nostalgisch zu fühlen, sich an seine Kindheit zu erinnern, als das „Heute“ noch ganz weit weg war. Als Countdown für dein Album-Release hast du auf YouTube drei Videos zu den Songs „Wild“, „Fools" und „Talk me Down“ veröffentlicht, die zusammengenommen eine Geschichte erzählen. Woher kam die Inspiration für diese Trilogie? Wild“ handelt von zwei Jungen, die sich ineinander verlieben. „Fools" erzählt das Ende dieser Liebesgeschichte. „Talk Me Down“ handelt wiederum von den Konsequenzen. Ich wollte diese Story erzählen. Zum Zeitpunkt der Produktion des Albums habe ich “Imitation Game” gesehen. Der Film handelt von einem Mann, der Millionen Menschenleben im Krieg rettet. Am Ende des Films wird aufgedeckt, dass er homosexuell ist. Es ist genau dieses kleine Detail, das ihn schließlich dazu bringt, sich umzubringen. Ich fand das unglaublich frustrierend. Ich habe mich gefragt: „Was ist mit all diesen LGTBI (Anm. d. Red.: Lesbian, Gay, Transgender, Bisexual, Intersex) Jugendlichen, die Suizid begehen? Was wäre gewesen, wenn eines dieser Kids irgendwann hätte Krebs heilen können, aber in einer intoleranten Familie groß wurde?“ Für mich ist meine Homosexualität nie ein Problem gewesen. Für andere ist genau dies der Grund, der sie in den Selbstmord treibt. Als Musiker bin ich heute in einer Position, in der ich zu jedem sprechen kann – LGTBI-Personen oder heterosexuelle Personen. Die Message dieser Trilogie sollte sein: „Eure Reaktion auf das Coming Out von anderen Menschen, egal ob als homosexuell, Transgender oder was auch immer, kann das Leben eines Individuums stark beeinflussen. Mit jedem Menschen, der nicht er selbst sein darf und sich deshalb das Leben nimmt, verlieren wir so viel Potential. Deswegen müssen wir etwas dagegen unternehmen.“ Wie waren die Reaktionen auf diese Trilogie? Überwältigend. Die Menschen haben so positiv darauf reagiert. Das hat mich stolz gemacht. Ein guter Freund von mir hat beim Anblick von „Fools“ sogar geweint. Er sagte, er habe sich in der Pop Musik bisher nie repräsentiert gefühlt. War es einfach an der Zeit, diese um eine LGTBI Perspektive zu ergänzen? Ja klar. Warum nicht wir? Fast jeder Pop Song handelt von Liebesgeschichten und sexuellem Interesse. Ich will auch darüber singen und nicht extra die Pronomen ändern müssen. Ich wollte mit meinem Album einfach ehrlich sein. Ohne zu lügen. Es ist eine Art Tagebuch. Welche Künstler inspirieren dich? Aus einer LGTBI Perspektive betrachtet erleben wir gerade eine super spannende Zeit in der Pop Musik. Mich inspirieren zum Beispiel Musiker wie Olly Alexander von Years and Years oder auch Sam Smith, die beide offen mit ihrer Sexualität umgehen. Wir erleben zur Zeit eine Art Bewegung, in der sich die Pop Musik erstmals für homosexuelle und Transgender-Künstler öffnet. Wo kommt diese Welle der Akzeptanz her? Wir leben im Jahr 2015 und die Dinge verändern sich heute viel schneller als früher. Meinungen zum Beispiel. Jemand kann aus der konservativsten Familie kommen und sich jede Nacht bei Tumblr einloggen und sich all diesen verschiedenen Perspektiven hingeben. Das Internet macht die Welt zu einem viel kleineren Ort – denn du kannst mit jedem online in Kontakt treten, mit dem du wahrscheinlich sonst nie gesprochen hättest. So lernt man, dass Menschen einfach Menschen sind. Die Transgender-Bewegung schreitet so viel schneller voran als die Zivilrechtsbewegung oder die Schwulenrechtsbewegung es je vermocht hätten – und zwar wegen des Internets. Das ist total spannend. Du bist in diesem Jahr für Saint Laurent gelaufen. Wie kam das zustande und wie war es, mit Hedi zu arbeiten?  Hedi hat meine Musik im Internet gehört und hat mich gefragt, ob ich Lust auf ein Mittagessen mit ihm hätte. Also sind wir lunchen gegangen. Wir haben uns lange über Musik und Mode unterhalten. Das war in L.A. – wir waren beide für ein paar Tage dort. Wir sind dann ein bisschen miteinander herumgelaufen und haben in West Hollywood ein paar Bilder für sein Journal geschossen. Es war ein wirklich schöner, entspannter Tag. Ein paar Wochen später wurde ich dann gefragt, ob ich für seine nächste Saint Laurent Show in Paris laufen möchte. Ich hatte so etwas noch nie gemacht. Es war anstrengend aber es war eine überwältigende Erfahrung. Ich habe deine “End of 2012” und “End of 2013” Videos gesehen. „Oh nein…“ (Troye lacht). Welche Themen würdest du in einem “End of 2015” Video abhandeln? Ich würde Caitlyn Jenner meine Hochachtung aussprechen. Und sonst… es war ein bewegendes Jahr für die ganze Welt. Vielleicht wäre es ein etwas dunklerer Song. Vielen Dank für das Interview! Sehr gerne. Blue Neighbourhood ist am 04. Dezember auf Universal Music Australia erschienen – zu kaufen gibt's das Album (sowie die EPs "TRXYE" und "Wild") unter anderem im iTunes Store. Mehr Infos und alle aktuellen Tourdaten finden sich auf der offiziellen Website von Troye Sivan.