Héroï­nes: Claudia Andujar

31.05.2017

[caption id="attachment_43453" align="alignnone" ]HEADER_Lofficiel_heroine_andujar Claudia Andujar, geboren 1931 in der Schweiz, wanderte in den Fünfzigerjahren nach Brasilien aus. Dort arbeitete sie bis heute als Fotografin. Sie lebt in Sao Paulo | © Fotos: Daniela Paoliello, mit freundlicher Genehmigung von Claudia Andujar sowie der Galeria Vermelho, Sao Paulo[/caption] Die Familie von Claudia Andujar wurde im Konzentrationslager ermordert. In Brasilien kämpft sie für das Überleben der indigenen Bevölkerung. Über eine Fotografin, deren Bilder Leben retten Vielleicht versuchen alle großen Künstler der Geschichte ein anderes Bild entgegenzusetzen, das sie auf die eine oder andere Art und Weise korrigiert. Für viele mögen solche Werke wie verzweifelte Auflehnungsversuche wirken, die sich kaum zwischen den Dokumenten der Zeit behaupten können. Manchmal aber liegt es in der Macht des Einzelnen, ein Zeichen zu setzen, das das Leben von Menschen verändert. Claudia Andujar wuchs in Transsilvanien, im heutigen Rumänien, auf. Der jüdische Teil ihrer Familie wurde von den Nationalsozialisten 1944 deportiert und im Konzentrationslager ermordert. Über 30 Jahre später stattet sie die indigene Bevölkerung Brasiliens mit Nummern aus und porträtiert sie. Das Erkennungssystem, das ihrer Familie auf die Haut tätowiert wurde und für den Tod markierte, rettete vielen der Yanomami das Leben. [caption id="attachment_43451" align="alignnone" ]Lofficiel_Legende_Andujar_Marcados_3_ Claudia Andujar porträtierte unzählige Familien der Yanomami, einer indigen Volksgruppe Brasiliens. Diese Bilder der Serie Marcados entstanden zwischen 1981 und 1983 | © Fotos: Daniela Paoliello, mit freundlicher Genehmigung von Claudia Andujar sowie der Galeria Vermelho, Sao Paulo[/caption] "Die Yanomami tragen kulturell bedingt keine Namen", erzählt Andujar in einem Interview mit der Kuratorin Carolin Köchling, die eine Auswahl ihrer Werke im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main zeigt. "Sie nennen sich nach ihren familiären Beziehungen: Vater, Mutter, Bruder." Irgendwie mussten Andujar und die Ärzte, die sie in das Amazonasgebiet führte, sie jedoch identifizieren. In den Siebziegerjahren hatte die brasilianische Regierung behauptet, der Regenwald sei unbewohnt; eine Autobahn wurde quer durch das Lebensgebiet der indigenen Bevölkerung gebaut, Wälder wurden von Arbeitern gerodet, die Krankenheiten brachten. Impfungen waren das einzige Mittel, das die Einwohner schützen konnte. Gemeinsam mit Bruce Albert und Carlo Zacquini besuchte Andujar zahlreiche Dörfer, um Gesundheitskarten anzulegen und den Gesundheitszustand zu dokumentieren. Dafür wurden den Menschen vor Ort Nummern zugeteilt. Und obwohl es kaum Personal und Geld für ihre kleine Organisation gab, nahm sich Andujar sehr viel Zeit für die Aufnahmen. "Manchmal brauchte ich einen ganzen Film für ein Porträt", sagt die Fotografin. "Aber so arbeite ich. Ich wollte die Intimität zeigen, etwas von dem Charakter einfangen." Die Serie Marcados, zu deutsch Markiert, gehört zu den wichtigsten Arbeiten von Claudia Andujar. Bis Ende Juni werden auch sie im MMK gezeigt. Zur Eröffnung im Februar konnte die Fotografin zwar nicht anreisen. Aber die Abwesenheit konnte ihr jeder verzeihen. [caption id="attachment_43449" align="alignnone" ]Lofficiel_Legende_Andujar_Marcados_5_ Claudia Andujar porträtierte unzählige Familien der Yanomami, einer indigen Volksgruppe Brasiliens. Diese Bilder der Serie Marcados entstanden zwischen 1981 und 1983 | © Fotos: Daniela Paoliello, mit freundlicher Genehmigung von Claudia Andujar sowie der Galeria Vermelho, Sao Paulo[/caption] Andujar wurde 1931 im französischsprachigen Teil der Schweiz in Neuchâtel geboren. Während des Zweiten Weltkriegs konnte ihre Mutter mit ihrer Tochter in die alte Heimat fliehen, von dort bahnte sich Andujar aber allein den Weg nach New York. Ihre Mutter hingegen zog mit ihrem Freund nach Brasilien. 1955 plante Andujar, ihrer Mutter und ihrem neuen Ehemann einen kurzen Besuch abzustatten: "Ich wusste nicht, dass ich bleiben würde. Ich mochte es sehr, vor allem die Menschen." Nach New York reiste sie tatsächlich nur noch, um ihre Arbeiten vorzustellen. Anfang der Sechzigerjahre brachte sie ihre ersten Fotos mit und stellte wenig später im New Yorker Museum of Modern Art aus. Der Leiter der fotografischen Sammlung kaufte sogar einige Werke für die Sammlung an. Schon in ihren Anfängen benutzte Andujar die Kamera eher, um in ein Gespräch zu kommen, als die Distanz des Beobachters zu wahren, wie man es von vielen anderen Fotografen gewohnt ist. Andujar sprach kein Wort Portugiesisch, als sie durch Brasilien reiste, um ihre neue Heimat kennenzulernen. Sie nahm den Bus, erkundete Küstendörfer. "Einige der Fischer luden mich zu sich nach Hause ein, wo ich dann fotografierte. Durch das Fotografieren lernte ich sie kennen und sie mich." In dieser Zeit gab Andujar noch Englischunterricht, um die Miete ihrer Wohnung in São Paulo zu bezahlen. Ein Stipendium ermöglichte es ihr schließlich, bei und mit den Yanomami zu leben. Sie setzte sich für die Minderheit ein und bekämpfte die repressive Militärdiktatur, die Brasilien zwischen 1964 und 1985 beherrschte, auch an anderen Fronten. [caption id="attachment_43448" align="alignnone" ]Lofficiel_Legende_Andujar_Marcados_alle_ Für die Aufnahmen der Serie Marcados aus den Jahren 1981-83 nahm sich Andujar sehr viel Zeit. So entstanden trotz einheitlicher Bildsprache sehr individuelle Porträts | © Fotos: Daniela Paoliello, mit freundlicher Genehmigung von Claudia Andujar sowie der Galeria Vermelho, Sao Paulo[/caption] Als freischaffende Fotografin besuchte sie ein Gefängnis im Nordosten des Landes, sie porträtierte Crack- und Morphiumsüchtige und eine Hebamme. Der Fotoessay hält auch die Geburt eines Kindes fest, der Verkauf des Magazins wurde von der Regierung verboten. Leider ist es oft die Zensur, die die Macht von Bildern bestätigt. Sobald sie jemand bedrohen, ist der Künstler kein Außenseiter mehr, sondern ein Feind, dem Sprech- beziehungsweise Ausstellungsverbot erteilt wird. Andujar wehrt sich bis heute nicht nur selbst gegen jede Form der Restriktionen, sie bestärkt auch andere in ihrem Widerstand. Davon erzählen nicht zuletzt die Bilder aus dem Amazonasgebiet. Neben den würdevollen Porträts der Yanomami stehen Aufnahmen aus der Luft, für die Andujar ausnahmsweise ihre menschliche Perspektive verlassen hat, um den Standort der indigen Bevölkerung festzuhalten. [gallery ids="43450,43452,43446,43445,43447"] Die Ausstellung "Morgen darf nicht gestern sein" von Claudia Andujar läuft noch bis zum 25. Juni 2017 im Museum für Moderen Kunst, Frankfurt am Main Dieser Artikel ist in der Mai 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen