Focus On: adidas' neue Masche

01.06.2017

[caption id="attachment_43608" align="alignnone" ]adidas-warp-knit-sommer-2017-karlie-kloss-lofficiel © adidas Warp Knit Kollektion[/caption] Damit läuft's sich wie am Schnürchen: heute lanciert adidas seine neue Warp Knit Linie – eine gestrickte Kollektion fürs Fitness- oder Yogastudio. Wir haben uns mit Sportswear-Designerin Sina Gerke in der norditalienischen Fertigungstätte getroffen und sie zwischen Garnspulen und Stricknadeln zum Interview gebeten. Wie seid ihr darauf gekommen, eine Sportkollektion zu stricken? Strick ist ein Thema, mit dem wir uns aktuell intensiv beschäftigen. So sind wir dann auch auf Warp Knit gestoßen. Unser Fabrikant in Italien arbeitet schon viele Jahre mit dieser Stricktechnik, aber vorrangig im Bereich Lingerie. Unsere Aufgabe bestand also darin, ausgehend von dieser traditionellen Technologie etwas neues zu entwickeln und das Konzept von Unterwäsche auf Sportswear zu übertragen. Das war sehr spannend. [gallery caption="© adidas" ids="43324,43323,43322,43326,43330,43331"] Was sind die zentralen Eigenschaften der neuen Sportswear-Linie? Warp Knit steht für perfekte Passform, Atmungsaktivität und hohen Komfort. Der Materialmix aus Nylon und Elasthan bewirkt einen stark komprimierenden Effekt, ist dabei aber aufgrund der speziellen Stricktechnik extrem dehnbar und luftig. Wir haben diesen zwar ultraleichten aber dennoch sehr fest gestrickten Stoff mittels kleiner Löcher genau an den Körperstellen „geöffnet“, an denen die Trägerin beim Sport Ventilation und Flexibilität benötigt. Diese Lochstruktur ist also tatsächlich mehr als eine Designentscheidung? Es ist eine Kombination aus Funktionalität und Design. Wir ziehen immer unsere aktuellsten Studienergebnisse ins Design mit ein. Diesmal hat uns besonders interessiert, an welchen Körperregionen man am meisten schwitzt oder wo am meisten Hautdehnung stattfindet. Also haben wir bei der neuen Warp Knit Leggings sowohl Anteil als auch Größe der Lochstrukturen von der Taille bis zum Knöchel hin größer werden lassen. So entsteht dann der erhöhte formende Charakter an Bauch und Po bei einem gleichzeitig luftigen Gefühl an den Beinen. Inwiefern unterscheidet sich Warp Knit vom klassischen Strick? Das besondere an der Kollektion ist, dass alle Teile gestrickt wurden, dabei aber komplett ohne Außen- oder Innennähte auskommen. Außerdem ist jeder Loop gleichzeitig auch ein Knoten. Das bedeutet, dass du deine Leggings quasi mit der Schere kürzen könntest, ohne dass sich der Stoff an den Säumen auflöst. Eine kleine "random fact". [caption id="attachment_43518" align="alignnone" ]adidas-warp-knit-sommer-2017-karlie-kloss-lofficiel © adidas Warp Knit Kollektion[/caption] Was war für dich die größte Herausforderung im Designprozess? Zunächst natürlich der Fakt, dass ich mit einer Technologie konfrontiert wurde, die mir zuvor nicht bekannt war. Ich bin im Entwicklungsprozess oft nach Italien gereist, um gemeinsam mit unserem Hersteller zu überlegen, wie man diese gewisse Festigkeit und Haltbarkeit des Stoffes erreichen kann, die für den Sportgebrauch einfach notwendig ist. Unser erstes Ziel war also, einen gestrickten Stoff zu entwickeln, den man einer gewissen Belastung aussetzen kann, sowohl hinsichtlich Bewegung als auch Feuchtigkeit. Die nächste Herausforderung war dann, im zweiten Schritt eine Designsprache für die Kollektion zu entwickeln. Du kommst ursprünglich aus der Ready-to-wear. Was reizt dich am Designen von Sportswear? Performance ist ein sehr spezieller Modebereich, in dem stark in Richtung Zukunft und innovative Technologien gedacht wird und in dem es weniger um Trends geht. Klar sind auch diese für uns interessant, jedoch geht es uns in erster Linie um die Frage, welche Anforderungen Sportbekleidung erfüllen soll. Eine davon ist beispielsweise, dass sie den Träger fast unbemerkt bei seinen Bewegungen unterstützen soll – anders als ein modisches Statement-Piece funktioniert sie also eher im Hintergrund. Gut aussehen soll Sportkleidung aber dennoch und das ist dann die nächste Herausforderung gleich hinter der Technologie: die Entwicklung einer Designsprache. [caption id="attachment_43621" align="alignnone" ]adidas-warp-knit-sommer-2017-karlie-kloss-lofficiel © adidas | Sportswear-Designerin Sina Gerke[/caption] Wie gelingt es dir, Funktionalität mit Design zu verknüpfen? Bei Sportswear limitiert dich die Funktionalität automatisch im Design – was aber ein Vorteil sein kann. Anstatt in hundert mögliche Richtungen auszuschweifen, muss ich mich auf die kreative Umsetzung der grundlegenden Funktionsmerkmale konzentrieren. Die Technologie ist also formgebend für meine Designsprache. Im Falle von Warp Knit ging es also um die Frage, wie ich Atmungsaktivität, Kompression und Komfort im Design anspruchsvoll miteinander verknüpfen kann. Was hat dich beim Design der Kollektion inspiriert? Diesmal bin ich von einer sehr graphischen Formsprache ausgegangen: gerade und schräge Linien treffen aufeinander und kreieren so eine Art Balance auf dem Körper. Die Lochstruktur ist Mesh nachempfunden, also der klassischen Sportswear entlehnt. Generell lasse ich mich gerne von aktuellen Trends im Training inspirieren, aber auch von gesellschaftlichen Strömungen, von Entwicklungen in Design und Kunst. Ich besitze außerdem ein eigenes Yoga-Studio, was natürlich auch ein Einflussfaktor ist. [caption id="attachment_43522" align="alignnone" ]adidas-warp-knit-sommer-2017-karlie-kloss-lofficiel © adidas Warp Knit Kollektion[/caption] Sind Runway-Trends für dich auch relevant? Natürlich. Speziell bei der Warp Knit Kollektion waren da zum Beispiel Designs von Labels wie Missoni relevant. Vor allem ist es für uns aber interessant zu sehen, wie sich Trends vom Laufsteg dann tatsächlich im Bereich Streetwear widerspiegeln. Generell rücken Performance, Streetwear und High Fashion ja immer stärker zusammen – auch auf den Runways sieht man immer häufiger Sportswear-Einflüsse. Diese Wechselwirkung von Inspirationen finden wir im Moment sehr spannend. Beeinflusst dich der aktuelle Hype um Sports- und Streetwear in deiner Arbeit? Für uns hat dieser Trend super gut funktioniert, da er uns neue Türen geöffnet hat, was Design und Zielgruppe betrifft. Zum Glück haben wir Designer mittlerweile die Möglichkeit, Sportswear mit einem gewissen Anspruch an Ästhetik zu designen. Wir haben uns also von dieser lange Zeit vorherrschenden Designsprache in der Sportswear verabschiedet, von Neonfarben und reflektierenden Silberapplikationen. Performance-Bekleidung muss heutzutage nicht mehr zwingend nach Sport aussehen. Mir laufen meine Kreationen immer häufiger auf der Straße oder im Café über den Weg. Natürlich einerseits weil Sportswear trendy ist, andererseits lässt sich an dieser Entwicklung aber auch eine Veränderung in der Trägerin selbst feststellen. [caption id="attachment_43524" align="alignnone" ]adidas-warp-knit-sommer-2017-karlie-kloss-lofficiel © adidas Warp Knit Kollektion[/caption] Welche Kundin hast du beim Designprozess im Kopf? Wir begreifen unsere Kundin als „Versatile Athlet“ – eine Frau, die sich nicht mehr nur auf eine Sportart beschränken lässt, sondern vielseitig ausgerichtet ist und sich ständig neu erfindet. Die Mode beziehungsweise ihre Garderobe folgt somit ihren Ansprüchen und nicht mehr andersherum. Ihr Sportswear-Lieblingsteil muss sich somit nicht nur vielen verschiedenen Sportarten anpassen können, sondern auch zum anschließenden Dinner oder Afterwork Drink tragbar sein. Wird sich die Mode immer mehr in Richtung Praktikabilität und Funktionalität entwickeln? Auf jeden Fall ist dies eine der vielen parallel verlaufenden modischen Strömungen. Aktuell sind die Menschen auf der Suche nach Dingen, die ihnen den Alltag erleichtern. Heutzutage machen die Menschen viele Dinge gleichzeitig oder direkt hintereinander, vor allem in den Metropolen. Je größer die Stadt desto länger werden deine Wege, desto vielfältiger werden deine Möglichkeiten und desto hektischer wird automatisch auch dein Tagesablauf. Da ist es wichtig, dass deine Kleidungsstücke funktionieren, quasi „mit dir gehen“. Ich finde in diesem Zusammenhang sehr interessant, dass immer mehr Frauen anstelle der Handtasche auf einen Rucksack setzen. Weil es einfach praktischer ist. Dennoch ist es vor allem die besondere Verbindung aus Praktikabilität und anspruchsvollem Design, die gerade einen starken Aufschwung erfährt. [caption id="attachment_43519" align="alignnone" ]adidas-warp-knit-sommer-2017-karlie-kloss-lofficiel © adidas Warp Knit Kollektion[/caption] Ist Nachhaltigkeit auch ein Thema für euch? Wir arbeiten mittlerweile viel mit nachhaltigen Materialien, zum Beispiel mit recyceltem Plastikmüll aus den Ozeanen, den wir von dem Hersteller Parley beziehen. Im Bereich Strick sitzen wir aktuell noch intensiv an der Materialentwicklung, aber in anderen Kollektionen setzen wir dieses weiterverarbeitete „Ocean Plastic“ bereits ein. Mich interessiert vor allem, wie man zukünftig weiterdenken kann in einem nachhaltigen Kontext. Wer weiß, vielleicht gibt es bald schon Kleidung, die wächst und wieder in sich zusammenfällt. Aber das ist wirklich weit gedacht. Apropos textile Innovationen – könntest du dir vorstellen, in Zukunft digitale Sportkleidung zu designen? Ich finde die Frage, wie man Technologie mit Kleidung verbinden kann, super spannend. Digitale Kleidung wird sicher kommen, genauso wie 3D-Druck die Zukunft in der Bekleidung sein wird. Bereits jetzt verkaufen wir Uhren, die deinen Puls messen können, deine Körpertemperatur anzeigen, deine Kalorienverbrennung etc. – sogenannte "Wearable Technologies". Natürlich könnte man auch ein Garn entwickeln, das deine Körpertemperatur aufnimmt. Aber wie weit muss der Innovationswille gehen? Für mich persönlich lautet die zentrale Aufgabe im Designprozess, stets eine gute Brücke zwischen Klassikern und Zukunft zu schlagen. Also den Zahn der Zeit zu treffen, ohne dabei aber zu "gimmicky" zu werden. [caption id="attachment_43520" align="alignnone" ]adidas-warp-knit-sommer-2017-karlie-kloss-lofficiel © adidas Warp Knit Kollektion[/caption] Vielen Dank für das Gespräch.