Trend Doku: Modehäuser Backstage

18.04.2017

[caption id="attachment_42004" align="alignnone" ]dokumentation-2017-modefilme-dior-dries-van-noten-alexander-mcqueen-lofficiel © Dior and I[/caption] Kreative und Kleider gefasst in hunderte Minuten – warum immer mehr Modehäuser in Dokumentationen einen Blick hinter die so sorgsam errichteten Kulissen gewähren Der Designer Dries Van Noten kniet über Unmengen an Stoff, sorgsam auf dem Boden ausgebreitet. Daneben eine Assistentin, die penibel alles mitschreibt, was dem Belgier so durch den Kopf schießt. In der Ferne leuchtet hinter einem großen Fenster die Skyline, Van Noten und seine Arbeit aber befinden sich größtenteils im Dunkeln. Nur die hellen Stoffproben selbst stechen als pastellfarbene Farbinseln hervor. So werden sie es auch später, als fertige Kleider, auf dem Laufsteg tun − Van Notens Arbeitsprozess dagegen, kniend, zeichnend, planend, bleibt nur spärlich beleuchtet dahinter zurück. Oder eben auch nicht. Diese Szene ist kein rar erhaschter Blick in die mysteriöse Welt des Designers, auch keine Illusion oder Fata Morgana − ist der Designer doch eigentlich für seine Zurückgezogenheit bekannt − sondern ein erster Ausschnitt des Dokumentarfilms, der später in diesem Jahr über die Arbeit des Belgiers erscheinen soll. So leise dabei der Titel  "Dries" daherkommt, so vollgepackt scheint der Film mit Hintergrundeindrücken, persönlichen Zitaten, der Arbeitsweise des Designers. https://www.youtube.com/watch?v=Q7Sqe2DKAFo Nachdem sich Raf Simons 2012 als neuer Creative Director von Dior bei den Vorbereitungen zu seiner ersten Haute Couture Kollektion von der Kamera begleiten ließ und es schaffte, trotz des Öffnens des symbolischen Backstage-Vorhangs die Magie und Spannung seiner Mode zu bewahren, scheint eine eigene Dokumentation plötzlich zum neuen Must-Have im Repertoire der großen Modehäuser geworden zu sein. Ob nun über den Chefdesigner oder die Geschichte des Hauses, hauptsache große Bilder fangen große Momente ein. https://www.youtube.com/watch?v=GGmK3UsdqcQ Neben "Dries" darf sich auch das Kollektiv um den legendären belgischen Modedesigner Martin Margiela in "We Margiela" bald auf der Leinwand begutachten. Ebenso tritt das Leben von Alexander McQueen wieder ins Rampenlicht − und das gleich mehrmals: Während die Dokumentation "McQueen" auf die Arbeit des 2010 verstorbenen Modedesigners eingeht, widmet sich der Film "The Ripper" der Beziehung zu seiner Förderin und Freundin Isabella Blow. Ein noch unbenanntes Projekt mit Schauspieler Jack O'Connell in der Hauptrolle handelt hingegen vom Leben des Londoners. Mit der Videokamera ins Atelier zu marschieren ist dabei natürlich kein gänzlich neues Unterfangen. Der französische Regisseur Loïc Prigent begleitet in seiner Reihe "The Day Before" für Arte seit Jahren Modedesigner in ihren letzten Stunden vor der Show. Wim Wenders veröffentlichte bereits 1989 die Dokumentation "Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten", in der er das Modeverständnis und die Arbeitsweise Yohji Yamamotos untersuchte. "Mehr ein gefilmtes Tagebuch als ein Dokumentarfilm", sagte Wenders damals über sein Werk. https://www.youtube.com/watch?v=BcE5_MANqTM Und das ist es wohl auch, was die Faszination der heutigen Pendants ausmacht: Es sind Bewegtbilder, die gleichermaßen bewegen. Einblicke in die Köpfe und die Ideenwelten von Kreativen, die man sonst nur mit einem kurzen Winker nach der Modenschau zu sehen bekommt, nicht aber wirklich in ihre Umgebung begleiten darf. Dabei hilft der geweckten Neugierde sicherlich, dass die Designer oft in Extremen zu leben scheinen. Entweder als zurückgezogener Kreativer, bei dessen Arbeit man nur zu gerne einen Blick hinter die Kulissen erhaschen möchte, oder aber als gewollter Provokateur, dessen private, ruhige Seite ein Mysterium bleibt. Die Dokumentationen sind ein willkommener Gegenpol zur überbelichteten und gestochen scharfen Welt von Instagram, zu überlebensgroßen Werbeplakaten und der doch meist kommunizierten Unnahbarkeit. Ein bisschen Spannung, ein bisschen Verzweiflung und Hands-on-Attitüde stehen den Designern dabei mehr als gut zu Gesicht. Nicht umsonst wirbt der Trailer zu "Dries" besonders mit dem Satz "An intimate portrait of the fashion designer".