Große Freiheit in Nicaragua

20.04.2017

[caption id="attachment_41188" align="alignnone" ]lofficiel_nicaragua_reise_28 ©Saskia Nadi[/caption] Unsere Autorin ist ausgewandert, hat ein Hotel in Nicaragua eröffnet, das Meson Nadi. Unterwegs über die Straßen von Granada durch die Dschungel und Flüsse des Paradieses, berichtet Saskia Nadi von einem Leben in Zentralamerika, das von Neugier getrieben wird "Und wie bist du hier gelandet?" Das ist die mir am häufigsten gestellte Frage. Vor fünf Jahren habe ich Nicaragua das erste Mal besucht. Zusammen mit meinem Mann reiste ich damals ein halbes Jahr lang vom Norden des Landes bis zur costa-ricanischen Grenze. Dieses immer noch vom Bürgerkrieg erschöpfte Land ist von Leidenschaft und Liebe erfüllt, und es hat mich näher zu mir selbst geführt. Denn wer ist man, wenn man alles verloren hat, oder meint, alles zu besitzen? Letzten September hatten wir an der Costa Esmeralda in Tola, auf einer alten Bananenplantage 20 Meter vom Meer entfernt, unser Hotel Meson Nadi eröffnet, jetzt machte ich mich auf zu einer Reise durch Nicaragua – auf der Suche nach der Freiheit. Das Land ist durchzogen von Flüssen, die Ozeane miteinander verbinden und deren Uferwege in der gerade endenden Regenzeit als die besseren Straßen dienen, weil sie kaum befahren und nicht so abgenutzt sind wie die eigentlichen Straßen, die in dünn besiedelten Gegenden abrupt nach einer Kurve enden können. Man bahnt sich dann den Weg auf Schotterpisten durch den Dschungel, vorbei an Holzhütten und Rinderfarmen. [caption id="attachment_41186" align="alignnone" ]Saskia Nadi hat ihr persönliches Paradies gefunden. Mit ihrem Mann betreibt sie nun ihr kleines, feines Hotel | ©Saskia Nadi Saskia Nadi hat ihr persönliches Paradies gefunden. Mit ihrem Mann betreibt sie nun ihr kleines, feines Hotel | ©Saskia Nadi[/caption] [caption id="attachment_41187" align="alignnone" ]lofficiel_nicaragua_reise_26 Dschungel, Bergketten, Flusstäler - irgendwo darin verläuft das, was es an der Straße gibt. Ein Abenteuer? Natürlich! Dafür ist das Leben ja da | ©Saskia Nadi[/caption]

[caption id="attachment_41189" align="alignnone" ]reise-guide-nicaragua-lofficiel Das Boutiquehotel Meson Nadi unserer Autorin Saskia Nadi. Natürlich träumen wir alle davon, hier einmal einzukehren. Alle Infos gibt es unter www.mesonnadi.com | ©Saskia Nadi[/caption] Sobald die Trockenzeit beginnt, verwandeln sich die Straßen in nicht enden wollende Puderzuckerwolken aus Gold. Durch das Gegenlicht, das durch den Blätterwald scheint, entstehen faszinierende fremde Bildwelten. Insgesamt überquert man 34 ausgetrocknete Flussbette, um zu Meson Nadi zu kommen. Manche sind seit Jahrzehnten trocken, manche können jedoch während kurzer Regenfälle zu reißenden Flüssen werden. Der größte und längste Fluss, der sich tief ins Land verzweigt, ist der Rio San Juan. Früher einmal war der Fluss die einzige Route zu der 1524 gegründeten Hauptstadt der spanischen Kolonialherrschaft. Granada ist Welterbestätte und der Dreh- und Angelpunkt Nicaraguas. Ein Spaziergang durch die Stadt ist eine Zeitreise: geschmückt mit pittoresk bunten Hausfassaden, durch deren alte Eisentore und offene Hauseingänge man erahnt, welcher Prunk hier einmal herrschte. Alle fünf Meter folgt ein skurriler Szeneriewechsel auf den anderen, wie kleine, aneinandergereihte Kosmen. [caption id="attachment_41190" align="alignnone" ]reise-guide-nicaragua-lofficiel Das Tribal Hotel in Granada, der heimlichen Hauptstadt: ein versteckter Satz, abgeschlossen vom Trubel der Stadt | ©Saskia Nadi[/caption] Ein idyllischer Zufluchtsort inmitten der strömenden Massen Granadas ist das Tribal Hotel, nur ein paar Straßen von der bunten Aufregung entfernt und so in sich geschlossen, dass Zeit nicht zu existieren scheint. Ein Ort mit eigenem Charisma. Von meiner privaten Veranda mit bunten anatolischen Kilimteppichen sehe ich durch die dichten, hoch gewachsenen Bananenstauden Yvan Cussigh kommen, den Betreiber, einen sympathischen Mittfünfziger, dessen Stil am besten beschrieben ist als eine Mischung aus understatement casual New York City und Ibiza Glamour. Sein kurzes graues Haar und sein raues Lächeln erzählen von übermütigen Nächten und ferner europäischer Herkunft. Mit einem dominanten italienischen Akzent erzählt er mir, wie er sich rein zufällig in Nicaragua wiederfand: Während eines Urlaubs in Costa Rica versuchte er, dem nicht enden wollenden Starkregen zu entkommen. Er buchte einen Flug in das Nachbarland Nicaragua. Danach kam er regelmäßig. „Es fasziniert mich heute noch wie echt es ist, vor allem im Vergleich zu Costa Rica. Die Menschen, die Traditionen, die Musik, die überall die ganze Zeit spielt. Das ständige Chaos auf allen Straßen. Die Stadt vibriert permanent, sei es im Zentrum von Granada, in den unterschiedlichen Stadtteilen, oder den Außenbezirken.“ [caption id="attachment_41185" align="alignnone" ]reise-guide-nicaragua-lofficiel ©Saskia Nadi[/caption] Später treffe ich Alicia Zamora Noguera, die mich in ihr Atelier einlädt. Alicia, eine nicaraguanische Künstlerin, eine wahrhaftige Rebellin und Feministin, paart Scharfsinn mit Zurückhaltung. Alicias Atelier ist bunt und intensiv. Es drängt sich auf. Von der abgehängten Styropordecke hängen bunte Girlanden und kleine chinesische Lampions, die den Raum in einen Farbrausch tauchen. Ein Schreibtisch voller ausgerissener Zeitungsartikel und Skizzen ist das einzige Möbelstück. Es steht wie willkürlich inmitten des Raumes. Alicia ist wie ein sprechendes Spiegelbild ihres Ateliers und zeigt mit ihrem Finger auf ihre Arbeiten, während sie erklärt. Kaum zu Ende gekommen, reißt sie neue Mappen hinter dem Schreibtisch hervor. Alicia zuzuhören bewegt mich so sehr, dass ich meine Tränen zurückhalten muss. „Das sind die Indigenen, und das hier ist ein Löffel in Form eines Kruzifixes.“ Ich betrachte mir ihre Arbeit. Ein Kautschukdruck in Schwarz und Rot von einer indigenen Person, in deren Kopf der Kruzifixlöffel steckt. Kamal Ben, Alicias Mann, der aus Tunesien stammt und der vor eineinhalb Jahren eine bezaubernde kleine Bäckerei namens Delicias de Oriente neben Alicias Atelier eröffnet hat, serviert mir lächelnd ein Stück von seinem selbst gebackenen Mandelkuchen und gibt Alicia einen Kuss auf die Stirn. Kamal ist kein Mann vieler Worte, er wirkt wie ein Weiser aus dem Morgenland, der viele Geschichten in sich hütet. Sein Handwerk erlernte er schon in Kinderjahren von seiner Familie in Tunesien, und Backen, das ist sein Leben. Er bleibt schweigsam, klopft mir auf die Schulter und trinkt lächelnd seinen Espresso. [caption id="attachment_41180" align="alignnone" ]reise-guide-nicaragua-lofficiel Die Künstlerin Alicia Zamora Noguera verarbeitet die Geschichte der Indigenen in ihren Werken | ©Saskia Nadi[/caption] [caption id="attachment_41181" align="alignnone" ]reise-guide-nicaragua-lofficiel Ihr Mann Kamal Ben backt derweil köstliche Croissants und orientalisch angehauchte Leckereien | ©Saskia Nadi[/caption] Die Calle La Calzada ist die Hauptader Granadas und beherbergt alles, von Fremdenführern, dem Finanzamt, Alicias Atelier und der Bäckerei ihres Mannes bis zum El Tercer Ojo, einem Fusion-Restaurant im Innenhof einer modernisierten Kolonialvilla. In dem angrenzenden Hauptgebäude reihen sich moderne Aluminium-Schaufenster aneinander. Hier findet man organische Seifen, nicaraguanische Modedesigner und Secondhandläden. Der Zenit solcher Kleinbetriebe befindet sich in Masaya – der Wiege der nicaraguanischen Folklore –, das eine zehnminütige Autofahrt westlich von Granada liegt. Der Künstlermarkt im Zentrum der Stadt, der sich in einem gotischen Gebäude von 1888 aus schwarzem Basalt befindet und sich über mehrere Blöcke erstreckt, ist einer meiner Lieblingsorte in Nicaragua. Hier findet man alles, von Hängematten, Kommunionsbekleidung, Holzarbeiten, Teppichen bis hin zu Schustern und kleinen Essensständen mit typischem Streetfood. [caption id="attachment_41174" align="alignnone" ]reise-guide-nicaragua-lofficiel Der Markt von Masala bietet die ganze Farbenpracht nicaraguanischen Kunsthandwerks - und ungefähr alles andere. Für unsere Autorin ist er einer der schönsten Orte des Landes | ©Saskia Nadi[/caption] [caption id="attachment_41184" align="alignnone" ]reise-guide-nicaragua-lofficiel Von Streetfood bis Hängematten: Der Handwerksmatt von Masala, der Mercado de Artesanías, ist ein rauschendes Fest für alle Sinne | ©Saskia Nadi[/caption] [caption id="attachment_41177" align="alignnone" ]reise-guide-nicaragua-lofficiel ©Saskia Nadi[/caption] Zurück in Tola, an einem einst kilometerlang unbesiedelten Küstenabschnitt, verabrede ich mich mit Daniel Snider und Ivan Saballos Carrion. Wir treffen uns am Riviera Market, der nur ein paar Kilometer von unserem Hotel entfernt ist. Die Mall wurde vor zwei Jahren von ihrem Familienbetrieb Snider’s Realty gebaut, als der Tourismus sich in Tola abzeichnete und der Immobilienboom auch den Mittelstand bediente. Mittlerweile gibt es hier Multi-Millionen-Dollar-Projekte, einen Privatflughafen und versteckte Villen in den dschungelartig bewaldeten Hügeln über dem Pazifischen Ozean. Ivans Onkel war zu Zeiten der Sandinista-Regierung ein hochrangiger Offizier in der Armee. Er ermunterte in den Neunzigerjahren den amerikanischen Mann von Ivans Schwester Roca, den Immobilienmakler Steve Snider, die Region um Tola zu entdecken. Die Grundstücke hier hatten zu den ersten gehört, die von der Sandinisten-Regierung nach ihrem Sieg über die Somoza-Familiendiktatur enteignet worden waren. Als Snider 1996 auf Einladung des Offiziers in einem Militärhelikopter die Costa Esmeralda überflog und mit einem Kugelschreiber potenzielle Strände und Küstenabschnitte markierte, war ihm schnell klar, was er gefunden hatte: das Paradies. Damals, beschreiben Daniel und Ivan, waren sie einsame Fremde auf der Ladefläche von Pick-up-Trucks, auf der Suche nach Abenteuer, der westlichen Welt fremd – sie spürten die Freiheit, und das ist es, was Nicaragua besonders macht. Deswegen bin ich hier. Wegen eines unstillbaren Hungers, zu erforschen und zu erleben. [caption id="attachment_41176" align="alignnone" ]reise-guide-nicaragua-lofficiel Köpfchen unter Wasser, und die Seele hebt sich in die Höh' | ©Saskia Nadi[/caption] [caption id="attachment_41175" align="alignnone" ]reise-guide-nicaragua-lofficiel Baden, Surfen, Erleben: Mit Ausnahme vielleicht der ärgsten Regenzeit im September und Oktober ist das tropische Nicaragua immer eine Reise wert | ©Saskia Nadi[/caption] Ich höre sehr laut Pobre la Maria von Luis Enrique Mejía Godoy und rase mit meinem Geländewagen durch die Bergkette auf und ab. Staubwolken hängen an den Bergspitzen und werden erleuchtet von den Lichtstrahlen, die durch den dichten tropischen Blätterwald fallen. Es ist wie eine Achterbahnfahrt durch Matsch und Gestein. Immer wieder reißt der Wald auf und gibt den Blick frei auf dramatische Aussichten: einsame Strandketten, gebirgige Naturreservate, deren Hügel zum Meer auslaufen und in den Pazifischen Ozean tauchen, begleitet von den Rufen der Dschungeltiere. Dieser Artikel ist in der März 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen