Nie wieder krieg ich meinen Mund nicht auf

13.03.2017

[caption id="attachment_39615" align="alignnone" ]essay-nie-wieder-krieg-paulina-czienkowski-demo-berlin-Lofficiel Demonstrationsplakat via sfcyberpunk.tumblr.com[/caption] Harte Zeiten brauchen klare Antworten. Aber in welchem Ton? Gegen die Renaissance von Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Homophobie hier und überall auf der Welt empfiehlt unsere Autorin ein sehr menschliches Gefühl Ich bin wütend. Und zwar so sehr, dass mir wahnsinnig viele Schreibfehler passierten, als ich meine Wut darüber zum ersten Mal äußerte. Ich bin nicht gerade selten wütend. Aber Schreibfehler, die kennt man von mir eigentlich nicht. Ursprung in diesem Fall war die seltsam doofe und ziemlich provokante Fragestellung eines Kollegen auf Facebook, die er an seine virtuellen Freunde richtete: "Eine Anti-Trump-Demo in Berlin? Jetzt? Warum?" Jedes Fragezeichen empfand ich als eins zu viel. Warum bitte fragt er das? Es ist nicht so, dass jener Kollege – geschätzt, auch von mir – für den fremdenfeindlichen Präsidenten gestimmt hätte. Es sei nur so, erklärte er mir per Mail, dass wir uns vorher ja auch nicht formiert hätten, um zu demonstrieren. Dass wir uns lieber gegenseitig "Grab-the-Pussy Videos" geschickt und an Hillary geglaubt hätten. Zumal so ein Widerstand in Berlin ja sowieso nur wenig bringen würde, schrieb er noch. Ein anderer kommentierte zynisch: "Wenn wir alle fleißig demonstrieren und unsere Betroffenheit auf Facebook kundtun, dann tritt er vielleicht doch noch zurück." [caption id="attachment_39594" align="alignnone" ]essay-nie-wieder-krieg-paulina-czienkowski-demo-berlin-Lofficiel Paulina Czienskowski[/caption] Lass sie reden, sollte man sich sagen. Sollte. Hier also die kurze Rückfrage: Für wie doof hält man uns? Wie naiv sind wir in deren Augen, dass sie tatsächlich glauben, wir hätten an jenem Samstag nach der Wahl in den USA vor dem Brandenburger Tor in Berlin den Glauben gehabt, Trump mit einer Parole wie "We! Reject! The presidentelect!" zum Rücktritt zu bewegen? Es ging dabei doch vor allem um eines: unserer Wut über das Undenkbare Luft zu machen, sich mit anderen auszutauschen, zusammenzustehen. Mit Kopf und Körper zu realisieren, was in der Welt mittlerweile möglich geworden ist. Der Wütende ist oft laut und deshalb immer der Blöde, schon klar. Gerade Frauen werden in Rage oft als verbitterte Furien abgestempelt. All das aber sind wir nicht. "Wartet erst mal ab, seid nicht so hysterisch", wird häufig gesagt. Doch diese erste Solidarisierung war nötig und sollte als Schritt, wenn auch noch zaghaft, in eine Art Aktivismus gesehen werden. Und daran ist doch wirklich nichts verkehrt. [caption id="attachment_39589" align="alignnone" ]essay-nie-wieder-krieg-paulina-czienkowski-demo-berlin-Lofficiel © SOCIETY6[/caption] Ein Moment, den es in unserer Generation zuvor so bislang nur selten gab. Mal abgesehen vom zeitweiligen Engagement für Geflüchtete oder von ein paar Protestmärschen gegen das Freihandelsabkommen TTIP. Aus einer Wut heraus zu demonstrieren, ist jedenfalls völlig okay, solange die Argumente mit Inhalt gefüllt sind. Und das sind sie im Fall Trump ja allemal: Sexismus, Rassismus, Homophobie. Genug gesagt. Als mündiger und selbstbewusster Mensch sollte man aussprechen können, was man will. Und Faschismus, den will ich nicht – und zwar nirgendwo in der Welt. Genauso wenig Hunderte andere, die das am Pariser Platz zeigten. An jenem klirrend kalten Tag versammelten sich auffällig viele junge Menschen, viele Frauen, solche mit internationalen Lebensläufen, diejenigen, die frei leben wollen. So wie auch die Kritiker der Demonstration, oder? Übrigens standen wir alle analog zusammen, und nicht digital wie sonst immer. Ein bisschen in die Tasten zu hauen, so wie ich das hier tue, bringt am Ende noch weniger. Aber sie haben den Protest als sinnlos bezeichnet, weil er sicher nichts ändern werde. Aber was ist besser: einfach nichts zu tun?! Es stimmt, dass nun im Folgenden über die Form des zukünftigen Zusammentuns gesprochen werden muss, wenn man denn tatsächlich nachhaltig Dinge bewegen will. Wenn man nicht nur aus spontanem Impuls heraus, sondern im Sinne eines effektiven, aktivistischen Kerns handeln will. [caption id="attachment_39590" align="alignnone" ]essay-nie-wieder-krieg-paulina-czienkowski-demo-berlin-Lofficiel © via instagram.com/demo_bewegt[/caption] Dieser Wille zeigte sich nach der Wahl schnell auf Facebook, unserem digitalen Megafon. Hier zum Beispiel hat die junge Journalistin Mareike Nieberding die Gruppe DEMO gegründet. Eine Jugendgruppe, wie sie selbst schreibt, die helfen soll, "mehr Demokratie in der Welt zu wagen". Am Ende sind die Wahlergebnisse in den USA ja bloß Aufhänger für ein neues Verständnis einer Generation, die realisiert hat, vielleicht doch noch was bewegen zu können. Besser: zu müssen. Man muss nur an die bevorstehende Bundestagswahl im Herbst 2017 denken. Im selben sozialen Medium hat die junge Verlegerin Ricarda Messner mit anderen jene erste Anti-Trump-Demo organisiert. Viele in ihrer Gruppe sind in Berlin lebende Amerikaner. Noch immer treffen sie sich zum Austausch. Weil sie nach Lösungsmöglichkeiten suchen möchten und ohne Ab- und Ausgrenzung probieren wollen, Widerstand zu initiieren. Immer wieder fragen sie sich und einander: Und jetzt? Zwei kurze Wörter, eine Frage, die sicher fast jeden derzeit umtreibt, während leider niemand die eine heilbringende Antwort darauf kennt. Diese verheerende Unsicherheit liest man aus vielen Texten heraus, die spätestens seit der Präsidentschaftswahl in den USA durch Zeitungen und das Netz fliegen. Von Philosophen, Schriftstellern, Politikern, Journalisten. Das Ergebnis der US-Wahl wirkt damit fast wie ein Aufrütteln – aus der Trance, dass alles ja immer noch mal gut ausgegangen ist in der Vergangenheit. Für uns. Nicht wahr? Es ist auch ein Erwachen aus der Arroganz, wie es nun fast überall heißt. Die des Establishments, das im Westen der Welt offenbar etwas zu naiv den positiven Umfragen für das kleinere Übel Hillary Clinton geglaubt hatte. Das seinen Einfluss und seine Kraft überschätzte und offensichtlich vergaß, dass in unser aller Realität auch noch andere leben: unter anderem die "Abgehängten" der Gesellschaft, von denen so oft gesprochen wird. Genauso wenig, wie Obama als Präsident die Welt noch toleranter gemacht hat, haben die Briten gegen den Brexit gestimmt. Unsere Überheblichkeit ist auch ein Argument von denen, die sich lustig über die Demonstration machen. Aber was ist nun die Lösung? Einfach die Klappe halten, weil wir den Mund vorher ja auch nur in kleinem Kreise aufbekommen haben und nicht wahrhaben wollten, was kommen könnte? Ist dieser Trotz nicht die Spitze sämtlichen Potenzials an Arroganz? Einfach zu schweigen jedenfalls, das geht nicht mehr. Das nämlich wäre die stille Gewöhnung an einen Zustand, den man so niemals wollte. Ein Ertragen und Dulden. Einfach mal abwarten, was Trump überhaupt umsetzt von alldem, was er im Wahlkampf Perfides angekündigt hat? [caption id="attachment_39591" align="alignnone" ]essay-nie-wieder-krieg-paulina-czienkowski-demo-berlin-Lofficiel © via instagram.com/demo_bewegt[/caption] Natürlich ist das die deutlich bequemere Variante. Genauso, wie es bequemer ist, gegen etwas zu sein, was doch eigentlich ein gut gemeinter, wenn auch in dem Moment lediglich symbolisch wirkender Akt ist, anstatt das zu unterstützen. Ich habe mich gefragt: Liegt dieses Unverständnis für unsere Aktion vielleicht schlichtweg daran, dass sie einfach keiner Minderheit angehören? Männlich, Mitte 40, mittelständisch, gebildet, deutsch. Oder sind sie einfach faul? Der Widerstand, der sich derzeit formiert, der muss jedenfalls sein. Ob das verächtlich als Selbstvergewisserung eines verunsicherten Milieus, also der Elite, gesehen wird, sollte dabei nicht irritieren. Denn wir können nicht auf denjenigen warten, der mit Masterplan die Welt vom Monster namens Populismus befreien kann, das sich mit seinen widerwärtigen Tentakeln an immer mehr Länder noppt. Fest steht jedenfalls: Einfach nur dagegen zu sein, das wird nicht ausreichen. Man muss laut werden, den Schock, die Panik und Wut als Katalysator nutzen und aktiv werden. Und das sollte für alle Lebenslagen gelten. Nun, wo es wieder ganz anders kam als erwartet und gewünscht, müssen wir aus dem Fehler der Untätigkeit lernen. Der Blick nach Europa reicht, um das zu verstehen: FPÖ in Österreich, Rechtspopulisten in Ungarn und Polen, Marine Le Pen in Frankreich, Niederlande und – ja – eben auch die AfD in Deutschland, deren Fraktionsvorsitzender in Thüringen, Björn Höcke, nach der US-Wahl bei einer Parteiveranstaltung übrigens gerufen hat: "Mister President, you are welcome in Germany!" [caption id="attachment_39592" align="alignnone" ]essay-nie-wieder-krieg-paulina-czienkowski-demo-berlin-Lofficiel © The New York Times[/caption] Lasst uns also gemeinsam lernen, wieder wütend zu sein, ohne selbst populistisch zu wirken. Und zwar gegen das Böse und nicht rückwärtsgewandt gegen das Wohlwollende. Lieber mit guten Argumenten, und die haben wir. Es kann nur klug sein, seine Wut an den richtigen Stellen einzusetzen. Richtige Wut ist gesund! Sie öffnet den Blick, wenn man rausgelassen hat, was einen innerlich aufreibt. Zumindest kann es die öffentliche Diskussion zu all den Themen ändern, die uns spalten und traurig machen. Dort, wo man es sich nicht mehr gefallen lassen will, muss man das dürfen, ohne sich später dafür rechtfertigen zu müssen. Am Ende – welchem auch immer – können einem die Zyniker, die selbst nur bräsig auf der Couch abgehangen und hohle Fragen ins Internet getippt haben, dann jedenfalls nicht mehr vorwerfen, nicht schon vorher etwas gesagt zu haben. Dieser Artikel ist in der März 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen