Interview: Berlinale Shorts 2017

08.02.2017

[caption id="attachment_36151" align="alignnone" ]Maike Mia Höhne © Sarah Bernhard Maike Mia Höhne © Sarah Bernhard[/caption] Seit 1955 verleiht die Berlinale den Goldenen und den Silbernen Bären für Kurzfilme – quasi die Haute Couture der filmischen Auseinandersetzung in Kurzform. Wir haben die Kuratorin Maike Mia Höhne zum Interview getroffen Unter dem Titel „Reframing the Image“ werden zwischen dem 13. und 18. Februar 24 Filme aus 19 Ländern gezeigt. Mit Beiträgen von Gabriel Abrantes, Salomé Lamas, Jonathan Vinel, Victor Lindgren, Bárbara Wagner, Lukas Marxt und Marcel Odenbach, Rainer Kohlberger sowie David OReilly ist das diesjährige Kurzfilmprogramm vielfältig und vielschichtig, oft radikal, provokant und ästhetisch konsequent. Seit 2003 gehört zu den Berlinale Shorts eine eigene internationale Jury, die sich in diesem Jahr aus Christian Jankowski, Kimberly Drew und Carlos Núñez zusammensetzt. Hinter den Berlinale Shorts verbirgt sich eine lange künstlerische Praxis. Das Format definiert sich als Gegenpart zum Langfilm ausschließlich über seine Länge, die in der Regel 30 Minuten nicht übersteigen darf, und kann aus allen filmischen Genres schöpfen. Seine Tradition beginnt mit der Geschichte des Kinos im Hollywood des frühen 19. Jahrhunderts. Entsprechend der begrenzten technischen Möglichkeiten und behutsamen Annäherung an das Medium, handelte es sich generell bei allen Filmen dieser Anfangsphase um Kurzfilme, da sie aus nur einem Akt bestanden. David Wark Griffith, einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte und Schöpfer des klassischen Erzählkinos, änderte das ab 1914 mit „Judith von Bethulien“, dem ersten Langspielfilm Amerikas. Seitdem verdrängte das neue Format nach und nach den Kurzfilm, der schließlich vor allem innerhalb der Avantgarde und experimentellen Beschäftigung klassischer Filmschaffender mit dem Medium beliebt wurde. [caption id="attachment_36150" align="alignnone" ]Maike Mia Höhne © Sarah Bernhard Maike Mia Höhne © Sarah Bernhard[/caption] Seit Mitte der 90er Jahre gewinnt der Kurzfilm durch Internet, YouTube, Vimeo und Co. erneut an Bedeutung, auch in kommerzieller Hinsicht. Im Zeitalter des Storytellings nutzen gerade Modehäuser und Labels das Medium, um eine emotionalisierte Welt zu erschaffen und nahbar zu werden. Doch auch im Bereich der bildenden Kunst gewinnt der Kurzfilm mit herausfordernden Arbeiten zunehmend an Relevanz, wie die Berlinale Shorts Jahr für Jahr beweisen. Die Regisseurin, Produzentin und freie Autorin Maike Mia Höhne ist seit 2007 die Kuratorin der Berlinale Shorts und setzt sich seitdem dafür ein, die Bedeutung des Kurzfilms für die Filmproduktion weiter zu festigen. Wir haben mit der Hamburgerin über das diesjährige Programm, die Herausforderungen des Formats und die Neuausrichtung unserer Wahrnehmung gesprochen. Was macht für dich das Faszinierende am Format Kurzfilm aus? Kurzfilme reduzieren Themen auf das Wesentliche – ohne zu vereinfachen. Wie viele Bilder braucht es, um Flucht und Verzweiflung schlicht und ausdrucksstark gleichzeitig zu erzählen? Der schwedische Filmemacher Victor Lindgren benötigt mit seinem Beitrag Kometen kaum mehr als zehn Einstellungen, um all das – die Flucht, die Liebe, das Ankommen und die Trauer zu – transportieren. Nur ein Beispiel für einen kurzen, großen Film. [caption id="attachment_35771" align="alignnone" ]interview-maike-mia-hoehne-top-berlinale-2017-shorts-lofficiel Kometen, Victor Lindgren © PR[/caption] Für die Teilnahme an den Berlinale Shorts erhaltet ihr mehrere Tausend Einreichungen. Wie geht ihr bei der Sichtung der Beiträge vor? Ich habe ein tolles Team von acht Leuten, und wir sichten die Filme ganz systematisch, in Zweier-Gruppen, in langen gemeinsamen Sichtungen. In vielen Gesprächen über die Filme und Kontexte erarbeiten wir uns die Filme. Mit welchen Themen beschäftigen sich Regisseure derzeit? Thematisch drehen sich viele Filme um Identität und Selbstfindung. Aber auch um das radikale Hinterfragen der eigenen Gewohnheiten und des persönlichen Lifestyles. Call of Cuteness ist so ein Film von einer jungen deutschen Filmemacherin, Brenda Lien. Sie zeigt einen echten neoliberalen Albtraum. Dieser Film fasziniert und tut weh: Hinschauen! Alle unsere Filme haben eine absolute Dringlichkeit. [caption id="attachment_35774" align="alignnone" ]interview-maike-mia-hoehne-top-berlinale-2017-shorts-lofficiel Call of Cuteness, Brenda Lien © PR[/caption] Die diesjährigen Berlinale Shorts widmen sich der Neujustierung der Wahrnehmung. Wendet sich das eher nach Innen oder nach Außen? Wir möchten Klischees untersuchen, aufbrechen und in Frage stellen. Das geht sowohl nach Innen als auch nach Außen Hand in Hand und spiegelt sich genauso in der Zusammensetzung unserer Jury wieder: Christian Jankowski trifft auf Carlos Núñez und Kimberly Drew – eine Mischung aus enorm unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Mitglieder unserer Jury sind vor allem Menschen, die uns anregen, genauer hinzuschauen. Ich bin wirklich traurig, dass ich bei den Jury-Sitzungen nicht anwesend sein darf. Ich werde spannende Gespräche verpassen. Was macht für dich den Reiz der individuellen Wahrnehmung aus? Individuelle Wahrnehmungen erweitern meinen Horizont. Wer zuhört und hinschaut, mutig genug ist, seinen gewohnten Standpunkt in Frage stellen zu lassen, der erlangt Erkenntnisgewinn. Ich will das. Ich will aktiviert werden. [caption id="attachment_36183" align="alignnone" ]Gnadenschuss, Salome Lama © PR Gnadenschuss, Salome Lama © PR[/caption] Zeichnen sich seit deiner Arbeit als Kuratorin grundlegende Veränderungen des Formats ab? Ich glaube, wirklich bemerkenswert sind die technischen Möglichkeiten: das digitale Material erlaubt ein anderes Arbeiten und Denken und erleichtert die Umsetzung. Es ist möglich geworden, aufwendige Trickarbeiten jenseits großer Studios oder Schulen umzusetzen. Das bedeutet eine Demokratisierung und größere Vielfalt. Darüber bin ich froh. Eine Premiere im doppelten Sinne haben wir dieses Jahr übrigens mit Everything von Publikumsliebling David OReilly – das erste Computerspiel im Wettbewerb jemals! Das Spiel ist eine Simulation der Realität, in der es möglich ist, die Welt von jedem Standpunkt aus zu sehen. [caption id="attachment_35773" align="alignnone" ]interview-maike-mia-hoehne-top-berlinale-2017-shorts-lofficiel Everything, David O'Reilly © PR[/caption] Alte Bekannte oder Newcomer – wie sehen die Berlinale Shorts dieses Jahr im Querschnitt aus? Vielleicht möchtest du uns fünf Beispiele geben? Die diesjährige Auswahl ist eine gute Mischung aus Newcomern und guten Bekannten des Festivals. João Salaviza hat zuletzt 2012 das Festival mit seinem Film Rafa besucht und dafür den goldenen Bären nach Portugal getragen. Danach hat er einen Spielfilm gedreht und kommt jezt mit Altas Cidades de Ossadas in den Wettbewerb zurück. Dieser Film, zu Deutsch "Hohe Städte aus Totengebein“ ist eine Arbeit, in dem sich João Salaviza innerhalb seines Blicks neu ausrichtet. Ihn interessieren diejenigen, die marginalisiert sind, am Rande stehen. Für Vincent Toi öffnet sich mit The Crying Conch zum ersten Mal der rote Vorhang der Berlinale. In seinem radikalen Film öffnet sich im ersten Bild ebenfalls der Vorhang: Im 18. Jahrhundert führt Franswa Makandal eine Revolte auf Haiti an, um die Sklavenbesitzer zu töten. Ein Film ohne sentimentalen Pathos, der den Weg in den Widerstand deutlich macht. Miss Holocaust von Michalina Musielak hingegen zeigt einen jährlichen Schönheitswettbewerb der anderen Art: Gegen allgemeine Bedenken und makabre Assoziationen behaupten sich alte Damen, die die Erinnerung wach halten wollen. Rainer Kohlberger aus Berlin visualisiert in seinem neuen Film keep that dream burning eine Ahnung für alles Neue, das in die Welt kommt: ein Versprechen größtmöglicher Unbestimmtheit. The Boy from H2, produziert von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem, nimmt uns direkt mit auf die Straße, damit wir erfahren, was es bedeutet, als Zwölfjähriger in der geteilten Stadt Hebron in Israel zu leben – als Gegenüber das Militär. [caption id="attachment_35769" align="alignnone" ]interview-maike-mia-hoehne-top-berlinale-2017-shorts-lofficiel Miss Holocaust, Michalina Musielak © PR[/caption] [caption id="attachment_35768" align="alignnone" ]interview-maike-mia-hoehne-top-berlinale-2017-shorts-lofficiel The Boy from H2, Helen Yanovsky © PR[/caption] Gibt es einen Beitrag, der dich persönlich dieses Jahr besonders ergriffen hat? Es sind alles sehr sehr besondere Filme. Ich möchte nicht in der Haut der Jury stecken. Das werden schwere Entscheidungen! Was wünschst du dir für die Zukunft der künstlerischen Praxis? Ich wünsche mir eine intensive Förderung der künstlerischen Praxis durch uns, die öffentliche Hand, in Produktion und Vertrieb. Und die Möglichkeiten der Vermittlung dieser Arbeiten jenseits des Kunst- und Kinobetriebs. Damit meine ich u.a. eine aktive und nachhaltige Einbindung ab der frühen Schulbildung. Künstlerische Praxis und der Umgang mit Medien braucht ein ausgebildetes Publikum, um den Diskurs weitertragen zu können. Ganz davon abgesehen haben wir ja bereits in der Vergangenheit mehrfach erlebt und können es auch ganz aktuell beobachten, was passiert, wenn eine Gesellschaft nicht über eine allzu ausgeprägte, kollektive Medienkompetenz verfügt. Das Einordnen von Medieninhalten, Bildern, Nachrichten ist ein wichtiger Baustein zum Erhalt unserer Demokratie – auch als Schutz vor der manipulativen Kraft von Propaganda natürlich. Danke für das Interview. [caption id="attachment_35772" align="alignnone" ]interview-maike-mia-hoehne-top-berlinale-2017-shorts-lofficiel Keep that dream burning, Rainer Kohlberger © PR[/caption] Die Berlinale Shorts werden vom 12. bis 15. Februar 2017 gezeigt Weitere Informationen zum Programm gibt es hier