Fantasie vs. Realität: Paris Haute Couture

27.01.2017

[caption id="attachment_34741" align="alignnone" ]paris-fashion-week-haute-couture-2017-review-Lofficiel Dior Couture Spring 2017 © Dior[/caption] Die Pariser Haute-Couture-Schauen gehen heute zu Ende – ein Blick auf die Highlights der Saison und die unbeantwortete Frage: Wie viel Realität steckt in der Fantasie? [caption id="attachment_34912" align="alignnone" ]paris-fashion-week-haute-couture-2017-review-Lofficiel Chanel Couture Spring 2017 © Chanel[/caption] [caption id="attachment_34913" align="alignnone" ]paris-fashion-week-haute-couture-2017-review-Lofficiel Chanel Couture Spring 2017 © Chanel[/caption]

Chanel Riesige Calla-Lilien, weißes Interior, Spiegel über, unter, neben uns. Der spiralförmige Treppenaufgang als unverkennbare Anlehnung an Coco Chanels legendäres Rue Carbon Apartment. Karl Lagerfeld zog die Inspiration für seine Silhouetten aus Alberto Giacomettis Skulptur „Spoon Woman“ aus den Zwanzigerjahren und machte somit viel Platz für neue Formen. Ein subtiler Effekt mit einem erstaunlichen Resultat. Die luftigeren, beinahe locker sitzenden (kein Wort das in der Haute Couture wohl sonst jemals Platz finden würde) Silhouetten, verleihen dem klassischen Tweet eine neue Eleganz und Chanels Tradition zeigte sich so modern wie selten zu vor. Keine Überraschung also auch, dass die 17-jährige Lily-Rose Depp aka Chanels neues Poster-Girl, den Abschluss einer von rosigem Pink, Silber- und leichten Pistazientönen gespickten Show, machte.

[caption id="attachment_34924" align="alignnone" ]09_Chanel_Paris_Haute_Couture_2017_Lofficiel Giambattista Valli Couture Spring 2017 © PR[/caption] [caption id="attachment_34914" align="alignnone" ]paris-fashion-week-haute-couture-2017-review-Lofficiel Giambattista Valli Couture Spring 2017 © PR[/caption]

Giambattista Valli Giambattista Valli bleibt auch in dieser Saison in den meisten seiner Entwürfe absolut realitätsfern und erfüllt damit genau das, was wir von einer meisterhaften Haute- Couture-Kollektion erwarten: Fantasie, die unsere Vorstellungskraft aufs Maximale übertrifft. Die Show eröffnete mit einer Hommage an Franca Sozzani, gefolgt von Satin-Trapez-Entwürfen inklusive Bügel- und Liegefalten, die aussahen als wären sie soeben aus dem Koffer gepackt worden. Die 1960er Jahre spiegelten sich auffällig oft in vielen seiner Silhouetten und Formen wieder, gepaart mit Kristallen und gerüschten Krägen. Valli selbst beschreibt die Kollektion als „eine Ode an Paris und seine Gärten.“ Kurz gesagt: Er zeigte extrem viel. Inspirationen und Entwürfe als Overkill, aber: es funktionierte perfekt und Valli bestätigt dass er, so romantisch seine Entwürfe auch sein mögen, ein Visionär und kein Nostalgiker ist.

[caption id="attachment_34915" align="alignnone" ]paris-fashion-week-haute-couture-2017-review-Lofficiel Dior Couture Spring 2017 © Dior[/caption] [caption id="attachment_34916" align="alignnone" ]paris-fashion-week-haute-couture-2017-review-Lofficiel Dior Couture Spring 2017 © Dior[/caption]

Dior Es ist erst ihre zweite Runway-Show und doch scheint Maria Grazia Chiuri das Traditionshaus bereits stark zu prägen. Vier Monate nach ihrem S/S17 Ready-to-wear Debüt katapultierte sie uns auf einen nymphen- und elfenhaft anmutenden Märchen-Maskenball, gespickt mit einer Dunkelheit, die zwischendurch hell aufblitzte. Keine feministischen Parolen waren da mehr zu finden, vielmehr eine Flucht in die Gärten des Musée Rodin, angelehnt an Diors Liebe für Gärten. Wir sahen Kapuzen als Haute- Couture-Interpretationen, tragbaren Tüll und Spitze. Wichtig zu erwähnen: Maria Grazia Chiuris aktuelle Kollektion verlor durch ihre Märchenwelt keineswegs an ihrer zuvor demonstrierten weiblichen Stärke und Zielstrebigkeit, sondern machte diesmal statt einem politischen ein persönliches Statement: auch sie würdigte mit der Show die kürzlich verstorbene Franca Sozzani. Die Designerin zeigte sich verletzlicher und sanfter als zuvor, aber eben genauso ehrlich.

[caption id="attachment_34925" align="alignnone" ]10_Herpen_Paris_Haute_Couture_2017_Lofficiel Iris van Herpen Couture Spring 2017 © PR[/caption] [caption id="attachment_34918" align="alignnone" ]paris-fashion-week-haute-couture-2017-review-Lofficiel Iris van Herpen Couture Spring 2017 © PR[/caption]

Iris van Herpen Die Zukunft in Form von Mode – so oder so ähnlich könnte man den Untertitel von van Herpens Schaffen formulieren. In der Haute Couture gilt seit jeher als Qualitätsanspruch und pompöses Statement, wenn die unendlichen Stunden, die in die Herstellung einer handwerklich aufwendig genähten und bestickten Robe fließen, in den Entwürfen auch sichtbar werden. Van Herpens Werk vereint Technologie, Wissenschaft und Kunst und lässt sich dadurch noch nicht einmal annähernd mit unserem momentanen Verständnis von Haute Couture vergleichen. Für ihre überhaupt erst zweite Couture-Schau kollaborierte sie mit der Berliner Künstlerin Esther Stocker. Dabei entstanden: 3-D gedruckte Kleider, wellig plissierte Roben und ein finaler Look, der aussah, als wäre er aus Millionen einzelner Wassertropfen zusammengesetzt worden. Man könnte es auch so formulieren: Wenn Chanel die unabdingliche Tradition und Geschichte der Haute Couture formt, so schreibt Iris van Herpen die Zukunft dieser Zunft in Lichtgeschwindigkeit.