Was für ein Kind waren Sie, Brigitte Lacombe?

26.01.2017

[caption id="attachment_34629" align="alignnone" ]interview-brigitte-lacombe-was-fuer-ein-kind-waren-sie-Lofficiel Brigitte Lacombe zwischen ihrem vier Jahre älteren Bruder Patrick und ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Marian © Brigitte Lacombe[/caption] Ulrike Döpfner trifft Brigitte Lacombe – und erfährt, wie aus einem wilden, selbstbewussten Kind die Lieblingsfotografin der Hollywoodstars wurde Was für ein Kind waren Sie? Ich erinnere mich nicht so genau, eher an das, was mir erzählt wurde. Ich war offenbar sehr glücklich, sehr stark, sehr unerschrocken und sehr unabhängig. Ich hatte einen Bruder, der vier Jahre älter war, und eine vier Jahre jüngere Schwester. Ich war der dominante Typ in der Mitte, hab immer versucht, meine Sicht der Dinge durchzusetzen. Ich hatte einen wirklich starken Willen – zum Beispiel wurden meine sehr langen Haare morgens immer von meiner Mutter zu einem Pferdeschwanz gebunden. Aber sobald ich aus dem Haus war, auf dem Weg zur Schule, löste ich das Gummi und behauptete einfach, dass das von ganz allein passiert sei. Das war zwar Kleinkinderkram, aber es zeigt, dass ich einfach immer gemacht habe, was ich wollte. Welche Rolle hat Ihr Vater gespielt? Mein Vater hat natürlich die Familie ernährt, aber er war trotzdem sehr präsent. Ich liebte ihn sehr, und er liebte mich auf besondere Art. Meine Mutter war vielleicht ein wenig enger mit meinen Geschwistern, schon, um sie vor mir zu beschützen. Dass ich Fotografin geworden bin, hat sicher auch damit zu tun, dass mein Vater immer Fotograf werden wollte. Seine Eltern haben das nicht zugelassen, weil sie dachten, der Beruf sei nicht sicher genug, um eine Familie zu ernähren. Er hat immerzu Bilder von uns gemacht, das hat mich sehr beeindruckt. Als ich nicht mehr zur Schule gehen wollte, begann ich also auch zu fotografieren, das schien mir am vertrautesten. Fotografieren schien etwas zu sein, was einen Menschen wirklich glücklich machen kann, ihn erfüllt. [caption id="attachment_34628" align="alignnone" ]interview-brigitte-lacombe-was-fuer-ein-kind-waren-sie-Lofficiel Brigitte Lacombe hatte Glück, dass ihr wildes, ungestümes Wesen auf geduldige, liebevolle Eltern traf. Und auf eine kleine Schwester, die sich davon nie unterkriegen ließ und bis heute ihre engste Vertraute ist © Brigitte Lacombe[/caption] Welche Werte haben Ihnen Ihre Eltern vermittelt? Meine Eltern hatten genaue Wertvorstellungen. Es ging nie darum, etwas zu besitzen, zu kaufen oder gar mit etwas anzugeben, das man besitzt. Wir waren nicht religiös, auch wenn wir Kinder eine Zeit lang zur Sonntagsschule gingen, aber es ging darum, ein guter Mensch zu sein, sich um andere zu kümmern, seine eigenen Interessen hintanzustellen. Mein Bruder versuchte ganz extrem, sich daran zu halten, während ich im Gegensatz dazu ein sehr eigenwilliges Leben anstrebte, völlig egoistisch. Ich war schon immer davon überzeugt, dass man nur ohne eine Familie seine Unabhängigkeit behält, dass man völlig frei sein muss, um so zu arbeiten, wie ich mir das vorstellte. Also ganz anders, als man mir das vorgelebt hatte: die Gemeinschaft unterstützen, eine Familie gründen, statt allein zu leben. Glücklicherweise haben meine Eltern lang genug gelebt, um mitzubekommen, dass ich auf meine Weise sehr glücklich geworden bin. Waren Sie eine gute Schülerin? Überhaupt nicht! Im Lyzeum in Paris wurde ich einmal im Jahr rausgeworfen. Jedes Jahr mussten meine Eltern eine neue Schule für mich suchen, vier- oder fünfmal, am Ende flog ich dann auch noch vom Gymnasium. Immerhin nahm ich keine Drogen, trank nie zu viel, schlief nicht herum. Aber ich konnte mich überhaupt nicht anpassen, und für die Schule zu arbeiten, machte überhaupt keinen Sinn für mich. Nicht mal in der Primarschule, schon da musste ich ein Jahr wiederholen, später flog ich sogar von einer feinen Privatschule, die eigentlich jeden behält. Ich muss ein Albtraum gewesen sein für meine Eltern, auch finanziell, diese Schulen kosteten damals ein Vermögen. Sie waren immer voller Verständnis, wenn auch besorgt – ich war völlig unbekümmert. [caption id="attachment_34625" align="alignnone" ]interview-brigitte-lacombe-was-fuer-ein-kind-waren-sie-Lofficiel © Brigitte Lacombe[/caption] Wann begann Ihr Interesse für die Fotografie? Erstaunlicherweise entschloss ich mich schon mit 17, Fotografin zu werden – und bin bis heute glücklich in meinem Beruf, das ist sicher sehr selten! Als Erstes bekam ich ein Praktikum bei einem befreundeten Architekten, für drei Monate. Ich hatte nie zuvor fotografiert. Mein Vater kannte auch jemanden im Fotolabor von ELLE, das war damals die einzige Wochenzeitschrift für Frauen und wahnsinnig erfolgreich, noch dazu sehr smart. Ich arbeitete für ein Jahr in diesem Labor, unter lauter Männern in ihren weißen Kitteln. Ich wurde so etwas wie ihr Maskottchen und lernte alles über Fototechnik. Nach einem Jahr stellten sie mich drei verschiedenen Fotografen vor, für eine Assistenz. Ich entschied mich für die Frau, Jeanette Leroy, die meine Mentorin wurde. Jeanette war eine ungewöhnliche Frau, die zunächst Malerin war, dann Fotografin wurde und später wieder als Malerin arbeitete. Ich war für zwei Jahre ihre Assistentin. Sie lehrte mich, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, das war viel wichtiger als jede Technik. Als sie sich wieder der Malerei zuwandte, gab sie mich an den Art-Direktor von ELLE weiter, Peter Knapp, der auch Fotograf war. Ein großartiger Mann. Er gab mir sofort meinen ersten Job – ich war im Zentrum des Glücks angekommen, sehr schnell durfte ich Cover fotografieren, damals muss ich 19 oder 20 gewesen sein. Fühlten Sie sich geliebt? Oh ja, sehr. Mit 18 zog ich zu meinem Freund, natürlich waren meine Eltern auch darüber sehr besorgt, aber sie ließen mich gewähren. Mein gesamter Lebensstil muss sie sehr beunruhigt haben, aber sie haben mich nie aufgehalten. Und dieses Vertrauen hat mich wiederum bestärkt, meinen Weg zu gehen. Ich wusste, ich kann immer zu ihnen gehen, wenn irgendwas schiefgeht, aber erst mal wollte ich alles ausprobieren. Ich war ein selbstverliebter Teenager, der immer seinen Kopf durchsetzen musste. Und weil ich so geliebt wurde, weil ich wusste, dass ich immer geliebt werden würden, egal, was passiert, war ich so selbstbewusst. Ich glaube schon, dass meine Eltern sehr außergewöhnlich waren in dieser Zeit, mit all den Opfern, die ihnen durch mein Wesen abverlangt wurden. Mein Vater hatte schon ein gutes Einkommen, aber wir waren nicht reich. Also müssen ihnen meine Privatschulen-Eskapaden Sorgen bereitet haben. Im Nachhinein ist einem das klar, aber damals habe ich das ganz selbstverständlich hingenommen. [caption id="attachment_34626" align="alignnone" ]interview-brigitte-lacombe-was-fuer-ein-kind-waren-sie-Lofficiel © Brigitte Lacombe[/caption] Können Sie sich an einen Lieblingsduft erinnern? Alle Düfte Südfrankreichs – Orangenblüten, die Zitronen an den Bäumen, Lavendel, Thymian, Rosmarin. Unser Garten war voll davon. Hatten Sie einen Lieblingsplatz? Unser Haus in Südfrankreich. Und dort das Dach. Obwohl es gefährlich war, weil die Ziegel so alt und brüchig waren, lagen wir dort oben zum Sonnenbaden. Und immer will ich nah am Meer sein, um schwimmen zu können. Finden Sie das Kind, das Sie waren, noch in sich? Ich denke, ich bin immer noch dieses Kind. Ich war sehr positiv, sehr offen und gleichzeitig immer ein Kontrollfreak. Es gibt ein Bild von mir und meiner Schwester, da muss sie ein Jahr alt sein und ich fünf. Ich schaue in die Kamera und habe meine Hände an die Seiten ihres Gesichts gelegt, zwinge sie so, ebenfalls in die Kamera zu schauen. Ich bin sehr beschützend, ich liebe sie sehr und wir arbeiten oft eng zusammen, Marian ist eine ausgezeichnete Dokumentarfilmerin. Aber es muss so laufen, wie ich will. Und Marian tut immer so, als würde sie sich nach mir richten, dabei geht sie auf ihre stille, eigene Weise ihren sehr eigenen Weg. [caption id="attachment_34627" align="alignnone" ]interview-brigitte-lacombe-was-fuer-ein-kind-waren-sie-Lofficiel © Brigitte Lacombe[/caption] Dieser Artikel ist in der November/Dezember 2016-Ausgabe von L'Officiel erschienen