Interview: Paula – Mein Leben soll ein Fest sein

08.12.2016

[caption id="attachment_31244" align="alignnone" ]paula-mein-leben-soll-ein-fest-sein-interview-carla-juri-lofficiel © Pandora Film / Martin Menke[/caption] Am 15. Dezember kommt Paula – Mein Leben soll ein Fest sein in die deutschen Kinos – im Film erzählt Regisseur Christian Schwochow das faszinierende Leben einer hochbegabten Künstlerin und radikal modernen Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Paula Modersohn-Becker. Ein Interview mit Hauptdarstellerin Carla Juri Wir führen das Interview auf Skype, denn Carla Juri ist gerade in London. „Ohne Video!“ sagt sie sehr bestimmt. Zur Zeit dreht sie für den nächsten „Bladerunner“. Diesen Monat ist sie aber erst mal zu sehen in der Hauptrolle als Paula Modersohn-Becker in Paula - Mein Leben soll ein Fest sein. Ein Biopic über die deutsche Malerin und eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus. Drehst du lieber historische oder futuristische Filme? Ich mag beides. [caption id="attachment_31240" align="alignnone" ]paula-mein-leben-soll-ein-fest-sein-interview-carla-juri-lofficiel © Pandora Film / Martin Menke[/caption]

Wie hast du dich dem Charakter „Paula“ genähert? Hattest du eine spezielle Vorbereitung? Es gibt sehr viel zu lesen über Paula Modersohn-Becker. Sie hat zahlreiche Tagebücher geschrieben. Ihre Brief-Korrespondenz ist gut dokumentiert. Aber auch historisch habe ich mich informiert. Wie das Umfeld war und die Umstände der Zeit. Also, du hast dich hauptsächlich über das Lesen herangetastet. Aber gab es auch eine körperliche Annäherung? Hast du auch versucht zu malen wie sie? Ja, auf jeden Fall. Ich habe intensive Malkurse gehabt. Die Bilder, die man im Film sieht sind ja nicht die Originale sondern alle nachgemalt von professionellen Malern. Die hatten ein großes Atelier, wo ich oft reingeschaut habe und auch mitgemacht habe. Ich konnte ihre Maltechnik analysieren, mich vertiefen, was das für eine Kunstform ist, wie sich ein Maler fühlt beim Malen. Ich kann mir vorstellen, dass wenn man wirklich genauso malt wie eine Person, sich noch mal auf einer ganz anderen Ebene annähert. Was hat das mit dir gemacht? Es entsteht beim Malen eine Selbstvergessenheit, die ich als befreiend empfunden habe. Damit etwas entstehen kann, muss man sich selbst vergessen und ganz in der Beobachtung aufgehen. [caption id="attachment_31241" align="alignnone" ]paula-mein-leben-soll-ein-fest-sein-interview-carla-juri-lofficiel © Pandora Film / Martin Menke[/caption]
Woher hat Paula ihre unglaubliche Stärke genommen? Sie hat sich ja in der Kunst- und Männerwelt durchgesetzt, was damals noch nicht so einfach war. Was war ihre Kraftquelle? Das Malen selbst. Das Malen war ihr Weg frei zu sein in einer unfreien Welt. Eigenständigkeit und Gleichberechtigung, hatte man als Frau damals nicht. Es ging ihr darum als Individuum wahrgenommen zu werden. Sie hatte den Mut, zu missfallen. Sie hat ja in wenigen Jahren sehr viel gemalt. Das zeigt für mich wirklich die innere Not Kunst zu machen. Es war nicht nur eine Profession, sondern wie Essen und Trinken. Im Film sagt Paula ja, dass ihr Leben ein kurzes intensives Fest sein soll. Und das war es ja! Sie stirbt ja schon sehr früh nach der Geburt ihrer Tochter. Hast du dir in der Rolle selbst leid getan? Bzw. tat es weh sterben zu müssen? Oder konntest du in der Rolle beruhigt sterben? Nein, Weil man sich nicht von außen beobachtet. Wenn man ihre Briefe und Tagebücher liest, ist es sehr traurig. Sie hat noch viel vorgehabt. [caption id="attachment_31243" align="alignnone" ]paula-mein-leben-soll-ein-fest-sein-interview-carla-juri-lofficiel © Pandora Film / Martin Menke[/caption]
Sie hatte einen sehr starken Überlebenswillen. Sie hatte vor allem Angst vor Einengung. Hast du während des Drehs noch mal einen anderen Blick auf das Leben um die Jahrhundertwende bekommen? Ja. Alles was wir als selbstverständlich erachten, war es damals noch nicht. Der Expressionismus musste sich in einem sehr konservativen Umfeld durchsetzen. Besonders interessant fand ich, welchen Einfluss Nietzsche auf die Gesellschaft hatte. Alle haben ihn gelesen, von Rilke bis zu Clara Westhoff. Ein neues Denken kam auf. Heute würde man Paula wahrscheinlich als Feministin sehen. Aber darum ging es ihr nicht. Sie fühlte sich eingeengt und wollte einfach leben und sich inspirieren lassen. Wie alle anderen. Kannst du dich mit dem Prozess identifizieren? Oder ist man heute sowieso so frei, dass es gar nicht mehr diesen Freiheitsdrang gibt? Den Willen zum Erleben kann ich nachvollziehen. Ich hab sie nie politisch gesehen. Das Resultat ihres Weges ist politisch. Es ist viel komplexer als einfach zu sagen, sie war eine Feministin. [caption id="attachment_31242" align="alignnone" ]paula-mein-leben-soll-ein-fest-sein-interview-carla-juri-lofficiel © Pandora Film / Martin Menke[/caption]
Paula wird durch ihre Notwendigkeit politisch. Eine letzte Frage: Hast du von dem Dreh etwas für dich mit genommen ins Hier & Jetzt? Das Malen. Ich verstehe die Freiheit, die aus dem Malen entsteht. Hast du jetzt immer eine kleine Leinwand dabei? Nicht immer, aber oft habe ich jetzt meine Ölfarben dabei. Danke für das Gespräch!