Barbour: Ein Meer voller Geschichte

10.11.2016

[caption id="attachment_29790" align="alignnone" ]barbour-jacken-england-bedale-lofficiel Newcastle, Küste © Alexandre Peschel[/caption]

Moderne Tradition in unserer Gegenwart – die britische Marke Barbour war schon immer mehr Attitude als Mode. Ein Blick auf ein Meer voller Geschichte

Die Ecke Nordenglands hier ist tatsächlich ausgestorben. Noch ausgestorbener als man es sich vorgestellt hatte. Idyllisch aber. Romantisch rau.

Hier liegt Barbours Hauptsitz. Eine Marke die manchen von uns vielleicht in der vergangenen Dekade durch Alexa Chung, in den vergangenen Dekaden allerdings – und das ist um einiges interessanter – durch Seemänner, Monarchen und Motorradfahrer bekannt wurde.

Die See ist stürmisch und der Himmel grau. Tradition gleich Inspiration und sie liegt uns zu Füßen.

Traditionsmarken sind etwas sonderbares in unseren Generationen, Y-Z, erlebten viele von ihnen in den letzten Jahren Revivals, insbesondere im Work- und Streetwear-Sektor. Wobei es doch eigentlich stets um das Neue und die Zukunft gehen soll? Carhartt zelebrierte jüngst seine gesamte Entstehungsgeschichte in einer Ausstellung und einem "Coffee-Table-Book", zeigte alte Videorecorder aus den 80ern und legendäre Hoodies. Und die großen Sneaker-Namen feiern mittlerweile fast jährlich Revivals ihrer unterschiedlichen Modelle. Die meisten geschichtsträchtigen Marken unserer Gegenwart haben schon längst begriffen, dass sie durch kolossale Vergangenheit und erinnerungsreiches Erbe Kunden auf sich aufmerksam machen und langfristig binden können. Viel Episches ist dabei, aber noch mehr Ehrliches, und das zählt. Stoffe, die Geschichte schreiben – im wahrsten Sinne des Wortes.

In der Manufaktur ist es laut. Romantisch ist da nicht mehr viel, dafür beeindruckend. Die meisten der Angestellten hier kommen aus Newcastle, arbeiten für den Konzern seit Jahrzehnten. Tradition gleich Treue. Drei unterschiedliche Produktionsschritte beherrscht jeder der Mitarbeiter. Etiketten werden angenäht, Knöpfe eingestanzt, Stoffe ausgewählt und zugeschnitten.

Man sagt, dass ein Kleidungsstück erst durch seinen Träger lebendig wird. Barbour besitzt mittlerweile ein Archiv, der älteste Mantel stammt aus dem Jahr 1910. Kunden schicken ihre alten Erbstücke nach Newcastle, im tiefen Glauben es gäbe sogar ein Museum. Entschleunigung par excellence.

Wir fahren raus. Auf dem Meer, sagt man uns, liegen die wahren Wurzeln Barbours.

Ein Gespräch mit Barbours langjährigem Design & Development Manager Gary Janes über eine Marke, die anderen vor allem eins voraus hat: Geschichte.

[caption id="attachment_29783" align="alignnone" ]01_barbour_lofficiel Newcastle, Küste © Alexandre Peschel[/caption] [caption id="attachment_29786" align="alignnone" ]barbour-jacken-england-bedale-lofficiel Newcastle, Küste © Alexandre Peschel[/caption]

Lass uns einfach mit der „epischsten“ Frage beginnen: Wo liegen die Anfänge des Konzerns? John Barbour, ein gebürtiger Schotte, gründete 1894 das Unternehmen. Zuvor versorgte er Fischer und Seemänner mit Öljacken und anderen Stoffen, die zum Schutz vor Nässe und Kälte im Nordosten Englands dienten. Die Marke ist seit jeher tief mit dem Nordosten Englands verbunden. Die Geographie ist der elementarste Teil unserer Marke.

Barbour war für mich schon immer mehr Attitude oder Lifestyle als eine reine Modemarke. Auf jeden Fall. Wir designen mit dem Gedanken funktionale und praktische Kleidung herzustellen. Dass wir dabei im letzten Jahrzehnt auch immer mehr als „en vogue“ verstanden werden ist ein willkommener Zusatz, aber sicherlich nicht unser Ansatz. Am Ende muss jedes gute Design ja sowieso Eingeständnisse im Sinne des Zeitgeistes machen, sonst zählt man in der Mode dann doch recht schnell zu den Todgeweihten. 

„Funktional und praktisch“. Klingt fast schon nach dem Bauhaus-Prinzip „form follows function“. Es ist ohne Frage eine sehr gute Maxime, die sich auch durch unsere Marke zieht. Der große Dieter Rams hat zehn Prinzipien, nach denen er gestaltet. Jeder Designer, ganz egal in welchem Feld er arbeitet, sollte zumindest wissen, dass es diese gibt.

Was also sind deine Prinzipien als Designer? Ich starte stets mit einer Farbe, weil Farbe immer einen bestimmten Bereich festlegt, und mit einem Kleidungsstück, das schon existiert. Dann treffe ich eine Auswahl an Stoffen. Dabei werden die Farben, Stücke und Stoffe zu meiner Basis und die unendlichen, kreativen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, zu der Art, wie ich meine Umwelt wahrnehme. Weil du als Designer aber nicht automatisch auch Künstler bist, haben wir einen sehr pragmatischen Ansatz, wenn es um die Kontrolle der Kosten, des Timings und andere Variablen geht. Dabei ist auch viel Vorstellungskraft nötig, um diese Variablen immer wieder neu zu denken.

Was bedeutet Tradition in einer so schnelllebigen Welt? Relevant zu bleiben. Das eigene Erbe zu nutzen, um für unsere aktuellen Kunden relevant zu bleiben. Unsere konstante Inspiration ist sozusagen über 120 Jahre Geschichte.

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…die seit längerer Zeit in einem Barbour Archiv festgehalten wird. Es ist wichtig, dass wir unsere Wurzeln nicht vergessen, uns auf die Vergangenheit besinnen um unsere Zukunft zu gestalten. Viele unserer Kunden wollten uns ihre Jacken zurücksenden, sobald sie dafür keinen Nutzen mehr hatten – also haben wir mit einem Archiv begonnen. Über die Jahre konnten wir eine große Kollektion an Jacken sammeln und ein Bild der Marke kreieren, das bis 1910 zurückreicht. Das ist nicht nur faszinierend, sondern inspiriert auch immer die aktuellen Kollektionen. Außerdem ist es eine wichtige historische Aufzeichnung.

Wie kommen die Kunden überhaupt darauf, dass es eine Art Barbour Museum geben muss, an das sie ihre alten Jacken senden können? Vielleicht denken sie, es sollte eins geben, weil die Marke schon so lange existiert? Wir sind ja auch immer noch ein Familienunternehmen. Unsere Kunden können ihre Jacken jederzeit zurückschicken, um sie reparieren oder wachsen zu lassen. Vielleicht ist es die Liebe fürs Detail und eine Art Sensibilität, die die Marke ausstrahlt und den Kunden annehmen lässt: Die müssen ja dann auf jeden Fall auch ein Museum haben.

[caption id="attachment_29785" align="alignnone" ]barbour-jacken-england-bedale-lofficiel Barbour Archive in Newcastle, Jacken © Alexandre Peschel[/caption] [caption id="attachment_29784" align="alignnone" ]barbour-jacken-england-bedale-lofficiel Barbour Produktion in Newcastle, Stoffe © Alexandre Peschel[/caption]

Was ist das älteste Stück des Archivs? Eine Jacke aus dem Jahr 1910. Wir nennen sie "Uncle Harry's Mantel", nach dem Herren, dem sie einst gehörte, und der sie dann über Generationen in seiner Familie weitergab. Uncle Harry war ein visionärer Naturfotograf, der jeden Tag mit seinem Fahrrad in die Berge fuhr, um Steinadler zu fotografieren. Die Jacke befand sich drei Generationen lang in seiner Familie, bevor sie netterweise an die "Barbour Archive Kollektion" gespendet wurde.

An welchen Typ Frau oder Mann denkst du während einem Designprozess? Vom Dandy bis hin zum Abenteurer ist da ja alles dabei, oder? Ich fange bei mir selbst an. Und manchmal denke ich auch einfach an John Barbour und daran, was er wohl so machen würde. Das klingt kitschig und es kommt auch nicht immer etwas brauchbares dabei raus, aber es ist ein interessanter Ansatz, der für mich als Designer einer so traditionellen Marke überraschend oft funktioniert.

[caption id="attachment_29794" align="alignnone" ]08_barbour_lofficiel Werbeanzeige © Barbour[/caption] [caption id="attachment_29787" align="alignnone" ]05_barbour_lofficiel Barbour Archive, "Uncle Harry's Mantel", 1910 © Barbour[/caption]

Ist Barbour denn in Teilen auch eine Unisex-Marke? Als Frau kann ich mich extrem gut mit eurer Herrenkleidung identifizieren. Ich denke, dass Werte kein Geschlecht kennen und das, was wir vom Leben erwarten, allgemein gefasst werden kann. In gewisser Weise werden manche Objekte durch universelle Verwendung und die Einfachheit ihrer Funktion und Details mit der Zeit zu Klassikern – das sind Ansprüche, die beide Geschlechter stellen. Ich glaube, dass wir diesen Aussagen einen Spiegel vorhalten, also ja! Ich würde zustimmen.

Vielen Dank für das Interview.