Abschreiben erlaubt

10.11.2016

[caption id="attachment_29913" align="alignnone" ]gothic-schrift-gucci-vetements-mode-lofficiel Gucci Frühjahr/Sommer 2017 © Marcio Madeira[/caption] Wenn jeder Designer seine eigene Handschrift hat, warum bedrucken die Kreativen ihre Entwürfe dann gerade ganz einheitlich mit Gothic-Buchstaben? Und: Wo kommen die überhaupt her? Modern Future. So leuchtete es schwarz auf pink im September von Alessandro Micheles Entwürfen. Zwischen den folkloristischen Kleidern, den Prints und Farben und Rüschen und übergroßen Hornbrillen fand sich bei Guccis Frühjahr 2017-Kollektionen ein weiteres Stilmittel: Dicke, altmodisch anmutende Buchstaben, die sich über Röcke, Mäntel und als Tattoo sogar über die Stirn eines Models zogen. "Gothic-Schrift" werden sie genannt – und nicht nur Gucci hat sich am Setzkasten bedient. [caption id="attachment_29928" align="alignnone" ]gothic-schrift-gucci-vetements-mode-lofficiel Gucci Frühjahr/Sommer 2017 © Marcio Madeira[/caption] Vetements schickte bereits für die Frühjahr 2016-Show sehr lange Ärmel mit sehr verschnörkelten Zeichen über den Laufsteg, Kanye West verpasste seinem Pablo ein Gothic-Make-Over in Form zahlreicher, höchstbegehrter Merchandising-Produkte und selbst Chitose Abe verkauft mit Sacai Pullover, die verzogene Schrift ziert. Doch warum sind all diese Designer, Labels und Visionäre, die doch stets nach vorne zu denken scheinen, nach etwas verrückt, das wohl nicht altertümlicher wirken könnte? Weil sich Michele, Kanye & Co. nicht im Märchenbuch bedient haben, sondern bei Gangs in Los Angeles. Die bedruckten einst T-Shirts mit Gothic-Schrift, um verstorbenen Bandenmitgliedern zu gedenken. Es findet sich also mehr Rebellion als Rotkäppchen, mehr Untergrund als "Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende" und mehr Kollektiv als einzelner König in den Buchstaben – Stichworte, die für den Coolness-Faktor eines Labels gegenwärtig wohl nicht wichtiger sein könnten. In den 90er Jahren fand der Gothic-Stil dann Einzug in die Streetwear von New York, bevor ihn die Musiker-Gruppe um A$AP Rocky 2013 auf ihre Fan-Produkte und Vetements im Herbst 2015 schließlich auf die Laufstege brachte. [caption id="attachment_29817" align="alignnone" ]gothic-schrift-gucci-vetements-mode-lofficiel Vetemens Frühjahr/Sommer 2016 © Marcio Madeira[/caption] Wirklich lesen, welche Message Alessandro Michele seinem Model da auf die Kleidung geschrieben hat, konnten Modenschauengäste in der Kürze der Zeit zwar wahrscheinlich nicht – aber das ist auch gar nicht so wichtig. Mehr als ums Was geht es doch ums Wie, so sehr sind unsere Augen mittlerweile an das Visuelle, an das Wahrnehmen einer Form statt eines Inhalts gewöhnt. So ist auch die Gothic-Schrift mehr ein Symbol, das neben einem von Michele bestimmt gut überlegten Text eben vor allem eine Reihe von Assoziationen bringt – Rebellion, Anecken, Eigensinn, Andersartigkeit. Was die Gangs aus L.A. ganz selbstverständlich lebten, ist bei Gucci natürlich um einiges kalkulierter. Den sonst so romantisch, eklektisch bunten Kollektionen gibt die Schrift eine gewisse Coolness, einen Bruch, der die Models nicht mehr nur auf einem mystischen Fest irgendwo zwischen Palmen und rosa Flamingos tanzen lässt, wie es doch das Kampagnenvideo der Pre-Fall 2016-Kollektion suggerierte, sondern vielleicht auch in den verrauchten Reihen eines Rap-Konzerts. [caption id="attachment_29818" align="alignnone" ]gothic-schrift-gucci-vetements-mode-lofficiel Gucci Frühjahr/Sommer 2017 © Marcio Madeira[/caption] Dort stehen sie dann, neben Vetements-Hoodies und Pablo-Jacken, und fragen sich womöglich: Sind wir eine Bestandaufnahme der Mode und ihrer Trends, wie sie aktueller fast nicht sein könnte? Die Antwort ist ihnen, so unterschiedlich sie auch daher kommen mag, auf Rücken, Arme und vielleicht sogar die Stirn geschrieben. Denn was die Gothic-Schrift nicht in Worte, aber Wiederholung, fasst, lässt sich in der Mode universell beobachten: Einflüsse können nicht mehr klar getrennt, bestimmte Stil-Elemente nicht mehr nur einer Art von Modehaus oder Label zugeordnet und der Untergrund kaum noch vom Mainstream unterschieden werden. Auch wenn diese Beobachtung bis jetzt ein wenig verschnörkelt daherkam, ist sie doch deutlich genug zu lesen.