Hässlichkeit in all ihrer<br>Schönheit

03.11.2016

[caption id="attachment_29245" align="alignnone" ]the-vulgar-fashion-redefined-ausstellung-london-barbican-lofficiel The Vulgar: Fashion Redefined, Pam Hogg, Diamond Dogs and Demons collection, Autumn/Winter 2015 – 2016, Ready-to-wear. Image by kind permission of SimonArmstrong.com[/caption] Die neue Ausstellung "The Vulgar – Fashion Redefined" geht Geschmack in der Mode auf die Spur Coco Chanel sagte einmal: "Das Schöne bleibt, das Hübsche vergeht." Was dann wohl die Meinung der Designerin zum vermeintlich Hässlichen war? Vielleicht, dass es uns, in all seiner Gewaltigkeit, mit der es ästhetisches Empfinden und visuelle Rezeptoren crashen kann, trotzdem so oft nicht mehr aus dem Kopf geht. Weil es eben vorsticht, Fragen aufwirft, herausfordert – vor allem aber: ungewöhnlich ist. Ob es uns nun gefällt, oder nicht. [caption id="attachment_29240" align="alignnone" ]the-vulgar-fashion-redefined-ausstellung-london-barbican-lofficiel The Vulgar: Fashion Redefined, Viktor & Rolf, Emma ensemble,Van Gogh Girls collection Spring/Summer 2015, Haute Couture © Team Peter Stigter[/caption] So einige Modedesigner haben sich genau diesen Schockmoment, der plötzlich alles Bekannte vergessen und den Kopf wie eine leere, weiße Leinwand zurück lässt, schon zunutze gemacht. Miuccia Prada wird seit Jahren als Königin des "Ugly-Chic" bezeichnet, über den britischen Designer Christopher Kane sagte die Modejournalistin Lou Stoppard einst: "He does ugly really well". Und gerade in Zeiten von Instagram und Bilderflut, in denen es zwar auch immer um das Schöne, schnell Erfassbare geht, sind Provokation und Anecken doch beliebte Feed-Stopper, die sich als Keil zwischen Social-Media-Models und neue It-Bags schieben. [caption id="attachment_29241" align="alignnone" ]the-vulgar-fashion-redefined-ausstellung-london-barbican-lofficiel The Vulgar: Fashion Redefined, Walter Van Beirendonck, Hat: Stephen Jones, Autumn/Winter 2010 – 2011 © Ronald Stoops[/caption] Dabei ist die Geschmacksfrage in der Mode natürlich älter, als das erste iPhone, und die subjektiven Meinungen, die es zu einem Kleidungsstück gibt, facettenreicher, als die Palette an Instagram-Filtern. Genau diese Zeit- und Wahnehmungs-Spanne beleuchtet die neue Ausstellung "The Vulgar – Fashion Redefined" im Barbican in London – von der Renaissance bis ins Jetzt, von zu wenig Stoff bis zu viel Bling-Bling. Statt aber ein Kuriositätenkabinett der textilen Fehltritte zu präsentieren hinterfragen die Kuratorin Judith Clark und der Psychoanalytiker Adam Phillips lieber, warum etwas, in der Komplexität seiner Zeit und Bezüge, als vulgär eingeordnet wurde und immer noch wird. [caption id="attachment_29248" align="alignnone" ]the-vulgar-fashion-redefined-ausstellung-london-barbican-lofficiel The Vulgar: Fashion Redefined, John Galliano for Christian Dior, Spring/Summer 2005, Haute Couture © Guy Marineau[/caption] So kann nicht nur ein Kleid aus dem 18. Jahrhundert als anstößig wahrgenommen werden, weil es in der Länge genau die gleichen Maße hat wie in der Breite und damit eher wie ein textiler Kehrbesen aussieht als ein Produkt stundenlanger Arbeit, sondern auch das exzessive Kopieren großer Designer durch Fast-Fashion-Marken, wie es einst zum Beispiel um Martin Margiela, H&M und das "Photocopy Dress" geschah. [caption id="attachment_29244" align="alignnone" ]the-vulgar-fashion-redefined-ausstellung-london-barbican-lofficiel The Vulgar: Fashion Redefined, Eighteenth Century Court Mantua, 1748–1750. Courtesy Fashion Museum Bath[/caption] In Bereichen wie "Exposed Bodies", "Classic Copies" und "Puritan" verdeutlichen Exponate von Vivienne Westwood, Miuccia Prada, Elsa Schiaparelli oder Walter Van Beirendonck: Was in einem Kontext unfassbar ist, kann in einem anderen unabdingbar sein, und sowieso liegt es doch immer an uns, was wir als schön, was als hässlich und was gar als anstößig wahrnehmen – und: sagt diese persönliche Einschätzung nicht vielleicht mehr über den Betrachter aus, als über das, was wir da eigentlich sehen? [caption id="attachment_29243" align="alignnone" ]the-vulgar-fashion-redefined-ausstellung-london-barbican-lofficiel The Vulgar: Fashion Redefined, John Galliano for Christian Dior Autumn/Winter 1998 –1999, Haute Couture © Guy Marineau[/caption] Die Ausstellung "The Vulgar – Fashion Redefined" ist vom 13. Oktober 2016 bis zum 5. Februar 2017 im Barbican in London zu sehen.