Interview: Frédéric Malle

04.10.2016

[caption id="attachment_26640" align="alignnone" ]© Frédéric Malle © Frédéric Malle[/caption] Frédéric Malle produziert und verlegt edle Düfte. Der Mann kennt sich aus. Aber wie riecht seine Welt? Vor 15 Jahren gründete Frédéric Malle „Editions de Parfums“, eine Art Verlagshaus in dem einige der weltbesten Nasen ihre Phantasmen austoben und sie in erlesene Düfte verwandeln dürfen. Der Neffe des französischen Filmregisseurs Louis Malle nimmt dabei die Rolle des Produzenten ein. Mit seinen Parfümeuren Dominique Ropion, Michel Roudnitska, Jean-Claude Ellena, und vielen anderen schafft er Autorenkino für Erwachsene, geladen mit Sex und aktionsreichen Déjà-vus. In New York, dem aktuellen Wohnort Malles, hat unsere Autorin Eva Munz den Duftexperten zu einem Gespräch über Gerüche getroffen – keines über Parfums, sondern über natürliche, mit Erinnerungen, Orten und Menschen aufgeladene Düfte, die Einblicke in das Leben Frederic Malles gewähren. [caption id="attachment_26378" align="alignnone" ]frederic-malle-interview-duefte-lofficiel © Ian Teh / VU / laif[/caption] Frankreich Wenn du mit McDonald’s in einem Land aufwächst, in dem die Straßen mit dem Lineal gezeichnet wurden, dann hilft das nicht gerade dabei, Raffinesse zu entwickeln. In Frankreich gibt es hingegen unglaubliche Nuancen, komprimiert auf wenig Raum: Landschaft, Vegetation, Essen, Wein, Zeit zum Nachdenken. Sex Als Teenager am Ende der siebziger Jahre war ich ständig verliebt. Es gab diese ganzen tollen neuen Parfums: „Grey Flannel“, „Halston“, „Fahrenheit“. Meine Mutter arbeitete für Dior und wir hatten eine Literflasche „Eau Sauvage“ zuhaus. Die Kombination aus dem Parfum und Schweiß (ich machte viel Sport zu der Zeit) war köstlich aufregend. Wenn ich heute einen sexy Duft herstellen will, dann versuche ich genau diese Aufregung hervorzurufen. Egal an welchem Parfum ich arbeite, überlege ich mir immer, ob ich mit jemandem, der so riecht, ins Bett gehen würde. Flughäfen Früher roch es, wenn man in Amerika landete, immer nach Kerosin, heute ist das weg. Heute riecht fast jeder Flughafen nach denselben Duty-Free-Parfums. Ich kann die Flughäfen Charles de Gaulle und Heathrow blind unterscheiden. Mir wäre lieber, wenn Charles de Gaulle nach Käse riechen würde. Ich fliege häufig tagsüber von Heathrow nach New York, weil ich es hasse, im Flugzeug zu schlafen. Einmal kam ich am damals neuen Terminal 5 an und dachte, was ist das für ein seltsamer, vertrauter Geruch hier? Da machen die sich die Mühe und bauen ein neues Terminal, und dann riecht es exakt so wie im Terminal 2. Ich dachte zuerst, es wäre der Geruch der Menschen, aber es muss wohl an den Bodenbelägen liegen, den Klebstoffen, Farben und Baumaterialien. [caption id="attachment_26379" align="alignnone" ]frederic-malle-interview-duefte-lofficiel © Lucas Vallecillos / ZUMA / REA / laif[/caption] New York Für mich riecht die 5th Avenue im Winter leicht nach Kompost, das liegt an der Nähe zum Central Park. Es ist ein tiefer dunkler Geruch nach verbranntem Holz. Im Sommer ist es ganz anders, da schwebt ein synthetischer flüchtiger Stoff über die Upper East Side, der von dem Reinigungsmittel kommt, das die Pförtner benutzen, um die Messingbeschläge der Türen zu polieren. Dieser Geruch macht mich ganz nostalgisch. An manchen Ecken spürt man leider auch das faulende Gewässer, das unter den Straßen schlummert und daran erinnert, wie alt New York ist. Die Schweiz Der Züricher Flughafen riecht komischerweise ganz deutlich nach der Schweiz. Als Kind war ich oft in Megève in den Savoyer Alpen nahe der Schweiz, da roch es auf den Bergwiesen nach Erde und Kuhdung und in den Berghütten nach Pinien, Badedas und ein bisschen Zedernholz. So riecht für mich Kloten. Verwandtschaft Neulich war ich zu einem Vortrag in die Cambridge School of Architecture eingeladen, und wir besuchten das Gropius Haus. Es roch genau wie das Haus meiner Großeltern im Norden Frankreichs bei Lille, sehr angenehm, aber wie nichts, was in der Natur vorkommt. Eher wie Plastik. Es muss an den Materialien liegen, die damals in den Dreißigern beim Bau verwendet wurden. [caption id="attachment_26377" align="alignnone" ]frederic-malle-interview-duefte-lofficiel © Bruno Perousse / laif[/caption] Japan In Japan sind Zurückhaltung und Sauberkeit alles. Du gehst in einen Ryokan und musst dich zehnmal duschen, damit du danach in eine Wanne steigen kannst, wo das Wasser seit drei Jahrhunderten nicht gewechselt wurde. Sie berühren sich nie. Bei Parfum geht es genau darum, die Leute zu berühren, ohne sie zu berühren. Japanische Frauen drücken ihre Individualität durch Blumenbouquets aus. Innenräume Fluglinien unterscheiden sich olfaktorisch kaum voneinander, wenn, dann ist es die Küche. Man riecht allerdings die wirklich alten Maschinen, wo sich der Gestank des Rauchens in das System gegerbt hat. Der geht nicht einmal weg, wenn du die Sitze austauschst. Was mich wirklich interessieren würde, ist, Gerüche für Autos zu entwickeln. Große Autohersteller legen ja auch besonderen Wert darauf, wie ein Auto klingt, der Motor, wie die Tür sich schließt. Ich würde gerne einen Gebrauchs- oder Alltagsgeruch herstellen. Nichts, was einen an klassisches Parfum erinnert, wie Lilien oder so etwas, eher wie ein Staubsauger. Paris & Moskau In Russland liebt man Duftklassiker wie „Arpège“ von Lanvin oder Guerlains „L’Heure Bleue“. Es ist das Frankreich der alten Welt. Wenige Düfte schafften es in die Sowjetunion während des kalten Krieges, man träumte von Paris, ausschweifend und hochkultiviert. Eines der französischen Labors spezialisierte sich auf den russischen Markt und kreierte ein Imitat der alten Düfte. Sie nannten es lustigerweise „Red Moscow“. Dieses Interview ist in der März/April 2016 Ausgabe von L'Officiel erschienen.