Macht der Gewohnheit

04.10.2016

[caption id="attachment_26370" align="alignnone" ]header_gucci_lofficiel Gucci Cruise 2017 © Glen Luchford for Gucci[/caption] Alessandro Michele hat für Gucci einen ganz eigenen, wiedererkennbaren Look etabliert – und weicht davon nicht mehr ab. Ist das ein Problem? Noch während die Gucci-Show auf der jüngsten Mailänder Modewoche lief konnte man sich bereits vorstellen, wie die Kommentare danach ausfallen würden. „Immer das gleiche“. „So langsam wird’s langweilig.“ „Der muss sich mal was Neues einfallen lassen.“ Der Gucci-Sättigungseffekt hatte sich zumindest unter Journalisten schon früher angedeutet. Nun, da die neue Kollektion für den kommenden Frühling und Sommer zuverlässig die alte Gucci-Leier rauf und runter gespielt hat, ist er bei vielen endgültig eingetreten. [caption id="attachment_26368" align="alignnone" ]03_guccicruise_lofficiel Gucci Cruise 2017 © Glen Luchford for Gucci[/caption] Und das nach gerade mal anderthalb Jahren. Im Februar 2015 zeigte Alessandro Michele, damals noch ein Nobody, seine erste Frauenkollektion für Gucci. Vorbei war´s mit der rausgeputzten Powerfrau à la Frida Giannini. Die Models sahen aus wie verträumte Literaturstudentinnen, die sich in Second-Hand-Läden einkleiden und den alten Pelzmantel ihrer Großmütter wiederverwerten. Erstmals liefen gemeinsam mit den Frauen auch Männermodels über den Laufsteg, die von den weiblichen Kolleginnen kaum zu unterscheiden waren: Dandys mit Handtasche, Schluppenbluse und der für Gucci inzwischen obligatorischen XL-Brille. [caption id="attachment_26403" align="alignnone" ]04_guccisilviaresort_lofficiel Gucci Resort 2016 © Marcio Madeira[/caption] Die Reaktionen reichten von irritiert bis begeistert, doch in einem waren sich alle einig: That´s news. Die Show ging ganz klar als „Fashion Moment“ in die Modegeschichte ein und plötzlich wollten alle wissen, wer eigentlich dieser langhaarige Römer mit einem Faible für antiken Schmuck war. Im Laufe der darauffolgenden Monate entwickelte sich Gucci vom stehen gebliebenen Unternehmen zum spannendsten Akteur der Branche, und zum Streetstyle-Liebling: Fellslipper, Anzüge mit Paspelnähten und „Dionysus“-Taschen prägten das Schaulaufen vor den Modenschauen. [caption id="attachment_26400" align="alignnone" ]01_guccisilviaprefall16_lofficiel Gucci Pre Fall 2016 © Marcio Madeira[/caption] Was am Anfang nach einer kleinen Revolution aussah, ist nun zur Gewohnheit geworden. Michele sucht sich nicht jede Saison ein neues Thema und baut darauf eine Kollektion auf, die zwar den Haus-Codes treu bleibt, sich von der Vorgängerin aber eindeutig unterscheidet. Sein Image und sein Look stehen fest. Dabei bleibt er, entwickelt daraus etliche Variationen und Abwandlungen, er perfektioniert und verfeinert sein System. Noch krasser, noch überladener, noch spitzer, noch detailreicher. Die Zuschauer wissen, was sie von Michele zu erwarten haben. Androgyne Schönheit, ein eklektischer Mix aus Epochen und Referenzen, Tier- und Blumenmotive, Seventies-Muster, Rüschenkleider, Trompe l´Oeil-Effekte, tantige Kostüme, das Gucci-Streifenmuster. Ob ein Teil nun aus der Herbstkollektion 2016 stammt oder der Resort 2017 lässt sich auf den ersten Blick oft gar nicht sagen. [caption id="attachment_26402" align="alignnone" ]03_guccisilviafw16_lofficiel Gucci Herbst/Winter 2016 © Marcio Madeira[/caption] Klingt nach Einfallslosigkeit. Ist aber irgendwie auch genial. Das vielgelobte Konzept der Zeitlosigkeit wurde immer als Vorteil minimalistischer, reduzierter Mode hervorgehoben. Michele wendet es nun auf Kollektionen an, die extrem modisch, dekorativ und wiedererkennbar sind. Wenn ein schlichter Trenchcoat zum Klassiker werden konnte, schafft es dann nicht auch eine gemusterte Lurex-Bluse von Gucci? Bei vielen Kunden ist das „neue Gucci“ jetzt erst angekommen, und den Zahlen nach zu urteilen, springen sie darauf an. Im Interesse der Gucci-Manager liegt es vermutlich erst mal nicht, dass Michele an seinem Design groß etwas ändert. Dann doch lieber per Kampagne beweisen, dass die Entwürfe in einer Berliner U-Bahn-Station eine ebenso gute Figur machen wie auf einem britischen Landsitz (siehe die jüngsten Werbemotive für Cruise 2017). [caption id="attachment_26401" align="alignnone" ]02_guccisilviass17_lofficiel Gucci Frühjahr/Sommer 2017 © Marcio Madeira[/caption] Zumal der neue Trend ohnehin Beständigkeit heißt. Viele Labels besannen sich bei den jüngsten Modewochen auf ihre Stärken, auf ihre Geschichte: Prada, Bottega Veneta, Saint Laurent, Mary Katrantzou. Die neue Loewe-Kollektion von Jonathan Anderson setzt dort an, wo ihre Vorgängerin aufhörte, sie ähnelt ihr sehr, und das aus gutem Grund. Anderson hat seine Sprache für Loewe nun endgültig gefunden und die möchte er noch weiter erforschen. Einem guten Designer soll man die Zeit ruhig geben. Den Moment, in dem er aus seinem Trott ausbrechen sollte, findet er dann (hoffentlich) selbst.