Walking in Los Angeles

13.09.2016

[caption id="attachment_25032" align="alignnone" ]los-angeles-guide-lofficiel © Alexa Karolinski[/caption] Sogar Frank Sinatra musste es zugeben: "L. A. is my Lady." Gut, man sitzt dort viel im Auto, aber das Wetter ist spitze. Man kriegt das beste Sushi außerhalb Japans. Und es gibt eine Riesenmenge zu sehen Das Beste an Los Angeles ist der Jetlag nach der Ankunft. Da wird man automatisch zum Sonnenaufgang wach – das lohnt sich beinahe jeden Tag. Das ist auch der ideale Zeitpunkt, um auf einen Hügel zu steigen. Nicht bloß auf einen der Hollywood Hills, es gibt hier jede Menge Hügel, und von jedem einzelnen aus hat man einen tollen Blick über diese schier endlose, vor allem schier endlos flache sich in die Endlosigkeit ergießende Stadt, die für mich auch nach vielen Jahren noch immer etwas Mysteriöses hat. [caption id="attachment_25046" align="alignnone" ]los-angeles-guide-lofficiel © Alexa Karolinski[/caption] Geht man nach Sonnenaufgang in der Natur spazieren, die in Los Angeles übrigens reichlich vorhanden ist, gibt es wundervolle Dinge zu sehen, zu riechen und zu hören. Und zumindest ich bekomme dann immer dieses schöne Gefühl, als sei ich ganz allein auf der Welt. Gegen halb sechs hebt dann aus allen Häusern ringsum ein mannigfaltiges Piepsen und Schellen an – das sind die Wecker auf den Nachttischen und die aus den Smartphones. Die Menschen in Los Angeles stehen früher auf als die in New York oder Berlin, aber dafür gehen sie auch viel früher zu Bett. Jeder will früher dran sein als alle anderen, was vor allem aber auch daran liegt, dass es in New York bereits Zeit fürs Mittagessen ist und in Europa schon bald die Büros schließen. In L. A. wacht man auf und starrt auf zig E-Mails. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um endlich nicht mehr mit einem flauen Gefühl aufzuwachen, leicht panisch, und mich schuldbewusst um mein Telefon zu kümmern, noch bevor der erste Kaffee durchgelaufen war. [caption id="attachment_25041" align="alignnone" ]los-angeles-guide-lofficiel © Alexa Karolinski[/caption] Auf meinem Spaziergang komme ich an dem großartigen Fahrstuhlturm von Carl Kay vorbei und an den im Stile des Bauhauses errichteten Wohnblocks. In Robert Altmans The Long Goodbye wohnt in einem von denen der Detektiv Philip Marlowe. In L. A. kommt man andauernd an einem Gebäude vorbei, das man schon in einem Film gesehen hat. Seltsamerweise fühlt sich das Leben in dieser Stadt aber niemals so an, als ob man in einem Film mitspielen würde. Los Angeles hat so gar nichts Künstliches. Vermutlich liegt es an der vollkommenen Abwesenheit von Nostalgie. Hier fühlt man sich stets wie in einem Wagen ohne Rückspiegel, also so, als ob es allein um das Morgen ginge und dass man das unbedingt nur noch einmal herausfinden sollte: was morgen noch geht. Wahrscheinlich ist das ja der eigentliche Grund, weshalb sich einst die Filmindustrie ausgerechnet hier zwischen Wüste und Orangenhainen angesiedelt hat; und weswegen mittlerweile wieder die jungen Leute hierherziehen, um sich auszuprobieren. Wagnis und Experimentierfreude haben hier Tradition. [caption id="attachment_25036" align="alignnone" ]los-angeles-guide-lofficiel © Alexa Karolinski[/caption] Mein Lieblingstag in L. A. ist der Sonntag. Als Freischaffende kenne ich zwar keine Wochenenden, aber sonntags findet in Hollywood der Farmers’ Market statt. Dann säumen mehr als 50 Stände die abschüssige Vine Avenue. Hier kaufen sogar die Gastronomen ein, denn frischere und vor allem wohlschmeckendere Gemüse und Früchte gibt es nirgendwo sonst in der Stadt. Ansonsten verschließt sich Los Angeles aber eher vor seinen Besuchern, als dass die Stadt ihre Schätze offenbart. Meine Freundin Emma Reeves bringt es auf den Punkt: "L. A. ist eine Zicke, man muss sie bei Laune halten, ihr schöne Augen machen, immer schön ausführen, und dann vielleicht ist sie auch mal lieb zu einem." Das stimmt. [caption id="attachment_25035" align="alignnone" ]los-angeles-guide-lofficiel © Alexa Karolinski[/caption] In vielerlei Hinsicht ist L. A. eine Fehlkonstruktion. Man ist andauernd unterwegs, die Distanzen sind riesig, und anders als in Berlin oder New York kann man hier auch nicht mal eben zu Fuß losgehen, um sich treiben zu lassen. In L. A. leben heißt: sehr viel Zeit mit sich selbst zu verbringen. Die Menschen hier legen auch deswegen viel mehr Wert auf ein komfortables Auto und ein geräumiges Heim mit Garten. Gut die Hälfte aller Einwohner stammt von Einwanderern aus Lateinamerika ab. Von daher sollte man sich den Ostteil der Stadt anschauen, um wirklich verstehen zu können, was das bedeutet. Die Tacos bei Guisados in Boyle Heights sind exquisit, das gilt auch für die gefüllten Tortillas, die bei Sarita’s Pupuseria in Downtown auf den Tisch kommen – ich könnte diese Liste endlos fortsetzen. Zum Beispiel mit – SUSHI!!! In L. A. gibt es das beste Sushi außerhalb Japans. Ist einfach so. Als Tipp vom Fachmann für Kenner: gnadenlos aufs Shopping verzichten und restlos alles Geld für ein Abendessen in einem der folgenden Restaurants investieren: Shibucho am Beverly Boulevard, Aki am Sawtelle Boulevard, Sushi Park in West Hollywood. [caption id="attachment_25038" align="alignnone" ]los-angeles-guide-lofficiel © Alexa Karolinski[/caption] Unbedingt auch das Chinese Theatre besichtigen. Generell gilt: auf jeden Fall mal ins Kino gehen in L. A. Im Chinese Theatre werden die Oscars verliehen, in den Läden der Nachbarschaft kann man sich mit Marihuana eindecken. In Kalifornien ist das ja legal (Oscars verleihen und Marihuana verkaufen). Ich hatte es eingangs schon einmal angerissen, aber ebenso wichtig wie Architektur und Straßenführung ist für die Einwohner von Los Angeles die Allgegenwart der Natur. Es gibt überall Tiere, überall Pflanzen, und die Menschen ziehen ihr eigenes Gemüse hinter dem Haus. Insbesondere seit Kalifornien mit der Dürre zu kämpfen hat, sind diese Dinge doppelt wichtig geworden – um allen, die hier leben, produzieren und regieren, vor Augen führen zu können, was letzten Endes auf dem Spiel steht. [caption id="attachment_25039" align="alignnone" ]los-angeles-guide-lofficiel © Alexa Karolinski[/caption] Meine Schwiegermutter Stephanie Pincetl hat eine Professur für Stadtplanung an der Universität von L. A. und Kalifornien inne. Sie sagt, dass ihre europäischen Kollegen es nicht verstünden, dass Los Angeles hinsichtlich Schonung der Umwelt und Nachhaltigkeit vergleichsweise unterentwickelt sei. "Und das, wo es hier doch jede Menge Raum gibt, um etwas wirksam verändern zu können." Es ist schwer vorstellbar, dass Los Angeles in Wahrheit eine arme Stadt ist. Auch das macht L. A. aus: Gegensätze. Und zwar extreme. Fährt man von Hollywood nach Santa Monica, sieht man unterwegs mehr Bentleys, Mercedes, vierradgetriebene Audis, Porsches und BMWs als in jeder deutschen Stadt inklusive Düsseldorf und München. Aber von diesen Wohngebieten der Privilegierten abgesehen, ist die Stadt an und für sich alles andere als wohlhabend. Zwölf Prozent der Bevölkerung im Stadtgebiet sind obdachlos. Wir sprechen hier von über einer Million Menschen, die auf den Straßen leben. [caption id="attachment_25037" align="alignnone" ]los-angeles-guide-lofficiel © Alexa Karolinski[/caption] Parks und andere Orte der zwanglosen Begegnung sind rar in L. A. So ziemlich alles ist mit dem Ausgeben von Geld verbunden, deshalb laden die Menschen hier gerne zu sich nach Hause ein. Derzeit habe ich mir im Atelier der Modeschöpfer Eckhaus Latta einen Arbeitsplatz angemietet. Dort hat sich die schöne Sitte entwickelt, dass Menschen unangemeldet vorbeischauen und je nach Laune auch bleiben, um abzuhängen, mit anderen zu reden, einfach Zeit mit interessanten Menschen zu verbringen. Die Suche nach etwas Neuem zum Anziehen schwingt mit, steht aber längst nicht im Mittelpunkt. So ermöglicht das konsumfixierte L. A. auch zeitgleich das Entstehen alternativer Kulturen. Die gibt es hier nicht a priori, man muss schon selbst die Initiative ergreifen. Aber im Endeffekt sind es diese kleinen Privatsphären, von denen es ganz schön viele gibt, die zur Unvergleichlichkeit der Stadt beitragen. So ist das: Los Angeles ist schwer zu beschreiben, weil unvergleichlich. Und die beste Taktik, diese Stadt zu erobern oder auch nur in den Griff zu kriegen, ist Kapitulation. Ein Tipp zu guter Letzt: Gehen sie als Erstes zu einem der großartigen Zeitungskioske (mein Favorit Above The Fold befindet sich im Larchmont Village) und kaufen Sie sich ein Exemplar der LA Weekly. Streichen Sie auf den Zeitungsseiten einfach alles an, was Sie anspringt. Arbeiten Sie dieses Programm tapfer ab. Tag für Tag. Viertel für Viertel. Oder lassen Sie es irgendwann einfach sein. Aber planen Sie bitte für jeden Tag die Betrachtung des weltschönsten Sonnenaufgangs ein. Übersetzung von Joachim BessingDieser Artikel ist in der März/April 2016-Ausgabe von L'Officiel erschienen.