Interview: Poems & Posies

17.06.2016

[caption id="attachment_18942" align="alignnone" ]poems-posies-wildflowers-berlin © Sasha Kharchenko[/caption] Ein Gespräch über analoge Liebeserklärungen, Drakes Poesie, Blumenbinden als neobürgerliche Entschleunigungskur und die Freuden des floralen Kontrollverlusts Fast unmerklich zwischen grauen Häuserwänden versteckt, liegt in der Neuköllner Briesestraße ein verwinkelter Laden mit rosafarbener Fassade und kaminrot lackierter Holztür, Rag and Bone Man. Vor fast sieben Jahren zog seine Besitzerin Margaux Coker aus ihrer Heimat London nach Berlin. Was sie ursprünglich als Vintage-Laden ins Leben rief, ist heute ein kleiner Concept-Store, der eine feine Auswahl an Second-Hand Schätzen, ein Frühstücks-Café befreundeter Australier und ein kalifornisch angehauchtes Makrame-Atelier beherbergt. Alles scheint hier ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein: Auf Regalen gesellen sich alte Werkzeuge zu Kristallflaschen; ein vergilbter Bucheinband liest The Art of Drying Plants. An einer Wand lehnt eine alte Holzleiter, von deren Sprossen getrocknete Wildblumen herabbaumeln. Aus einer anderen Ära scheint auch das dritte Konzept zu stammen, das Margaux in ihrem Laden beherbergt: Poems and Posies by Wildflowers Berlin – eine Art Fahrrad-Bestellservice für kleine Blumensträuße, an welchen sich handgeschriebene Briefchen mit persönlichen Versen wiederfinden. Gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Jasmin Lünstroth hat sich Margaux die Re-Romantisierung der vom digitalen Fast-Dating Trend erfassten Großstädter auf die Fahnen geschrieben: Mit ihren ungezähmten Wildblumen-Bouquets geben die beiden Selfmade-Floristinnen verliebten Berlinern eine poetische Alternative zur Emoticon- und GIF-Klaviatur von Tinder und Co. an die Hand. [caption id="attachment_19019" align="alignnone" ]Poems-and-Posies-Lofficiel Jasmin Lünstroth und Margaux Coker von Poems and Posies by Wildflowers Berlin ©Sasha Kharchenko[/caption] An einem frühen Samstagmorgen setzen wir uns mit Maggie auf die gefliesten Eingangsstufen ihres Ladens und unterhalten uns über analoge Liebeserklärungen, Drakes Poesie, Blumenbinden als neobürgerliche Entschleunigungskur und die Freuden des floralen Kontrollverlusts: Wie haben Jasmin und Du euch kennengelernt? Ich hatte schon länger überlegt ein kleines Business mit Blumen zu starten, aber mir fehlte der richtige Partner dafür. Jasmin habe ich vor eineinhalb Jahren zum ersten Mal getroffen. Ich erinnere mich gut: Sie ist mir in Neukölln mit einem imposanten, selbstgepflückten Strauß Wildblumen unter dem Arm über den Weg gelaufen. Da wusste ich, dass wir zusammen etwas auf die Beine stellen müssen. Also habe ich sie einfach gefragt. Was ist die Idee hinter Poems and Posies by Wildflowers Berlin? Unsere Idee war es, mit Poems and Posies ein bisschen Romantik zurück in die Großstadt zu bringen, in der jeder nur noch an seinem Smartphone-Screen klebt und sich durch die Gegend tindert. Ich bin ein Fan vom realen Leben. Bei uns können Männer und Frauen für ihren Schwarm kleine getrocknete Blumensträuße kaufen, die mit einem kleinen Gedicht versehen wurden. Natürlich auch für ihre Mama oder ihre besten Freunde. Der Strauß wird dann ganz old school mit einem Rad-Kurier überbracht. Gibt es sie etwa noch, die romantischen Männer, die Sträußchen für ihre Liebste bestellen? Es mag seltsam klingen, aber ja, diese Männer gibt es tatsächlich noch. Sie rufen uns an, schreiben Mails oder kommen einfach in unseren Laden, um einen Strauß zu bestellen. Sie finden es komischerweise nicht cheesy. Ich habe den Eindruck, dass wir mit Poems and Posies einen Nerv getroffen haben. Es gibt wirklich noch Leute da draußen, die genervt davon sind, Liebeserklärungen via WhatsApp oder Facebook zu versenden beziehungsweise zu erhalten. Tinder macht das Romantische am Daten kaputt. [caption id="attachment_18962" align="alignnone" ]IMG_3653 © Sasha Kharchenko[/caption] Es ist ein bisschen so, als würde man in den Supermarkt gehen, um Jungs einzukaufen.. Ja, genau. Ich glaube, dass es sich anders anfühlt, wenn man im wahren Leben um ein Date gebeten wird. Fernab von der Online-Welt. So wie früher. Da merkst du, dass sich jemand wirklich Zeit genommen hat, um über eine bedeutungsvolle Geste nachzudenken. Den Typen mit dem kleinen Blumenstrauß inklusive einer schönen Gedichtzeile wird ein Mädchen jedenfalls nicht so schnell vergessen. Wie sucht ihr die Zitate aus? Es sind Zitate aus unseren liebsten Songs und Gedichten. Was ist dein Lieblingszitat aus einem Gedicht? E. E. Cummings: “I carry your heart in my heart.” Es hat eine so schöne Bedeutung: „Egal wo ich bin, trage ich dich in meinem Herzen.“ Manchmal entlockt es mir sogar eine Träne. Es ist ein Liebesgedicht, das du sowohl an deinen Liebsten richten kannst, als auch an eine Person, die dir viel bedeutet. Ist das euer Top-Seller? Nein, es ist einfach mein Lieblingsgedicht. Ich glaube, unser Top-Seller ist „Heart of Gold“ von Neil Young. Einer meiner Lieblingssongs. Außerdem werden oft Song-Zitate von David Bowie, Bob Dylan, Langston Hughes und Maya Angelou angefragt. Und dann gibt es noch ein paar andere random Song-Lyrics von… …von Drake? Großartige Idee! Ich glaube, für manche Leute ist Drake wirklich ein Poet. Tatsächlich sind es gerade die Männer, die Drake lieben. Vor allem seine soften Songs. Was sagt uns das? Dass sie ihre sensible Seite oftmals nur verstecken. Ha. [caption id="attachment_19069" align="alignnone" ]Poems-and-posies-Lofficiel ©Sasha Kharchenko[/caption] Mittlerweile bietet ihr auf Veranstaltungen richtige Sträußchen- und Flowercrone-Workshops an. Seit wann interessieren sich Großstädter fürs Blumenbinden? Seitdem wir die klassische Handwerkskunst wieder zu schätzen wissen. Wenn ich meine Berliner Freunde frage, welche Aufgabe sie wirklich erfüllen würde, bekomme ich meistens zu hören: „Mit meinen eigenen Händen etwas schaffen“. Das steht in einem krassen Gegensatz zu dem Fakt, dass sich unser Leben mehr und mehr ins Digitale verlagert. Ich habe das Gefühl, die Leute sehnen sich heutzutage verstärkt nach mehr Bodenhaftung. Blumenbinden als eine Art Entschleunigungskur? Genau. Je technologiegetriebener und schneller unser Rhythmus wird, desto mehr wollen sich die Leute wieder ihren Wurzeln bewusst werden, sich mit ihrer Umwelt verbunden fühlen. Daher rührt auch die zunehmende Hinwendung der Stadtmenschen in Richtung Natur. Es scheint fast so, als würde unsere Generation dort ihren Halt suchen. Also umgeben wir uns auch in Cafés und Zuhause mit Topfpflanzen und Blumen. [caption id="attachment_18965" align="alignnone" ]IMG_3646 © Sasha Kharchenko[/caption] Ihr habt euch auf getrocknete Blumen spezialisiert. Warum? Wir leben heute in einer Wegwerfgesellschaft. Und so verhält es sich auch mit unserem Umgang mit Blumen. Man kauft einen schönen Blumenstrauß und schmeißt ihn nach wenigen Tagen weg, sobald die Blüten welk sind. Du kannst den Strauß aber auch trocknen und für immer behalten. Mit Poems und Posies haben wir uns für diese zweite Option entschieden. Uns ist Nachhaltigkeit sehr wichtig. Und was einige nicht wissen: Viele Blumen entfalten erst im getrockneten Zustand ihren wahre Schönheit. Welche Blumen eignen sich besonders zum Trocknen? Rosen. Aber auch Nelken, meiner Meinung nach eine wunderschöne und zu Unrecht völlig unterbewertete Blume. Zuletzt habe ich sogar Mohnblüten getrocknet. [caption id="attachment_19067" align="alignnone" ]Poems-and-posies-Lofficiel ©Hannah Newbery[/caption] Wie stellt man das Trocknen richtig an? Man hängt die Blumen mit dem Kopf nach unten gerichtet in einem kühlen, dunklen Raum an einem Band auf. So trocknen sie in einem geraden Zustand. Am besten funktioniert es, wenn man die Blumen nicht als Strauß, sondern einzeln trocknet und sie erst im Anschluss arrangiert. So verhindert man auch, dass die Stängel anfangen, zu schimmeln. Ich habe das mal Zuhause versucht, das Ergebnis war allerdings alles andere als perfekt… Perfektion ist etwas, das wir mit unseren Sträußchen gerade nicht anstreben wollen. Es gibt wirklich Leute, die besprühen ihre getrockneten Blumen mit Sprays, damit sie nicht beginnen, zu bröseln. Ich finde, dass die Schönheit gerade darin liegt, die Blumen so trocknen zu lassen, wie sie es wollen. Und wenn sie bröseln, dann hat man vielleicht die falsche Blumensorte zum Trocknen verwendet. Blumentrocknen ist eine gute Übung, wenn man lernen will, ein bisschen Kontrolle über die Dinge abzugeben. Man weiß nie, was einen erwartet! Vielen Dank für das Gespräch! [caption id="attachment_19077" align="alignnone" ]Poems-and-posies-Lofficiel ©Hannah Newbery[/caption] Neben poetischen Blumensträußchen bieten Maggie und Jasmin außerdem Flowercrown-Workshops, Hochzeits-Dekorationen und Interior-Design-Formate an. Alle Kollaborations-Ideen und Anfragen bitte an: Poems and Posies by Wildflowers Berlin.