Beth Ditto über Plus-Size, Trump und Miss Piggy

07.04.2016

[caption id="attachment_14851" align="alignnone" ]HEADER-Beth-Ditto-Lofficiel ©Julia Zierer[/caption] Vor wenigen Tagen hat Beth Ditto ihre gleichnamige Modelinie für füllige Power-Frauen gelauncht. Wir trafen die charismatische Gossip Frontfrau im Berliner Soho House zum Interview Sie ist eine großartige Musikerin, ein Superstar. Bekannt ist Beth Detto aber nicht nur für den weltweiten Erfolg ihrer im Jahr 1999 gegründeten US-Band Gossip, sondern auch für ihre mollige Figur. Kaschiert hat sie ihre Pfunde nie – ihre freizügigen, extravaganten Bühnenoutfits sind das Markenzeichen der 34-Jährigen. Vor etwa zehn Jahren gab es Auftritte, bei denen entledigte sich die Gossip-Frontfrau sogar gänzlich des Shirts oder der Hose. Auf ihr auffälliges Make-Up inklusive knallroter Lippen verzichtete sie hingegen nie, auch wenn es ihr bei den damals eher krawalligen Shows nur so vom Gesicht floss. Who cares? Mit ihrem exzentrischen Stil und ihrer unerschrockenen Haltung wurde die Sängerin zur Ikone eines nonkonformistischen Körperbildes und zur Leitfigur für Frauen, die nicht dem Schönheitsideal des Mainstreams entsprechen. Ihre Message: Füllige Frauen – Beth Ditto besteht auf den Ausdruck „fat“ – müssen und wollen sich nicht verstecken. Im Gegenteil. 2009 präsentierte die Sängerin ihren nackten Körper in seiner vollen Pracht auf dem Cover des Love Magazins. Ihr ausgeprägtes Körperbewusstsein imponierte auch Designern wie Marc Jacobs, Jean Paul Gaultier oder Donatella Versace, die sie fortan als Muse umgarnten und über ihre Runways schickten. Nun ist Beth Ditto selbst unter die Modeschöpfer gegangen – mit einer elfteiligen, Vintage-inspirierten Kollektion aus fließenden, Print-verliebten Kleidern und Jumpsuits in den Kleidergrößen 44 bis 58, hochwertig gefertigt in Manhattan. Wir haben das energetische Allround-Talent im Berliner Soho House getroffen und mit ihr über den Status-Quo der Plus-Size-Bewegung, Donald Trumps "Celebrity-Schwachsinns-Show" und Miss Piggy als Vorbild gesprochen. [gallery ids="14847,14844,14845,14843,14842,14848,14840,14846,14839,14838,14833,14830,14829,14828"] Du bist schon seit einigen Jahren in der Modeszene unterwegs. Warum hast du dich dazu entschieden, deine eigene Modelinie zu starten? Ich habe schon so lange davon geträumt, meine eigene Kollektion zu entwerfen, und zwar für gewichtige Frauen wie mich. Wenn du fülliger bist, hast du nicht den Luxus, einfach in einen der coolen Läden zu spazieren und eines der schönen Teile mal kurz überzuwerfen. Es ist wirklich komplizierter. Das nervt unheimlich. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich meine eigene Modelinie herausbringe. Da wir mit Gossip gerade eine kleine Pause eingelegt haben, war dies der perfekte Zeitpunkt für mich. Warum gibt es eigentlich so wenig schöne Kleidung in Plus-Size-Größen? Es hat ganz einfach etwas mit Unterdrückung und Scham zu tun. Es gibt ein einziges Schönheitsideal, dem eine Frau heutzutage entsprechen muss. Demnach existiert nur eine Art von einem perfekten weiblichen Körper – dieser hat dünn zu sein. Das ist lächerlich. Und es ist Ausdruck für den Sexismus, der tief in den Köpfen unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Ich glaube, die Modeindustrie hat es noch immer nicht geschafft, sich von dieser Vorstellung zu lösen. Aus einer modesoziologischen Perspektive betrachtet dient Mode nicht zuletzt dem Selbstausdruck und Selbstbewusstsein seiner Trägerin. Auf den Laufstegen dieser Welt werden nur Size Zero Models gezeigt – was ist die Message an die fülligeren Frauen unter uns? Ich glaube gar nicht, dass es für die Designer persönlich nur dieses eine Schönheitsideal gibt. Es ist vielmehr das Problem einer Modeindustrie, in der nur diese kleinen Größen hergestellt werden. Daher die Size-Zero-Models. Trotzdem muss man sagen, dass es in der High-Fashion generell eher schlecht um Diversität gestellt ist. Als Model war man lange Zeit nur eine Art blanke Leinwand für die Designs, da gab es keinen Platz für Persönlichkeiten. Schaut man sich den Erfolg von Transgender-Models wie Hari Nef oder Andreja Pejić an, könnte man den Eindruck bekommen, dass Mode offener, ja demokratischer geworden ist. Werden wir in Zukunft mehr Toleranz im Hinblick auf verschiedene Körperformen sehen? So lange, wie es gedauert hat, dass es farbige Models auf den Runway geschafft haben – und auch hier stehen wir noch am Anfang – wird es auch dauern, bis man füllige Personen auf dem Laufsteg sehen wird. Daher ist es wichtig, dass wir uns weiterhin sowohl für eine ethnische als auch größenbezogene Vielfalt einsetzen. In der Mode wird es immer diese elitäre Haltung geben, denn in diesem geschlossenen Club geht es vornehmlich um eines: Celebrities, Geld und Popularität. Wer weiß, ob es irgendwann wirklich mehr Akzeptanz in dieser Branche geben wird. Ich lege viel Hoffnung in das Internet, das so viele verschiedene Gruppen miteinander verbindet. Wenn sich all die kreativen Personen dort draußen weiterhin so toll unterstützen und austauschen, wird dieser Prozess die elitären Mauern der Modewelt herunterreissen. Auf Instagram sieht man immer mehr füllige Models, wie z. B. Ashley Graham oder Iskra Lawrence, die für Body Positivity werben. Was denkst du über den Status-Quo der Plus-Size-Bewegung? Ich persönlich finde es unglaublich. Viele Frauen kritisieren jedoch, dass es selbst in der Plus-Size-Szene nur ein bestimmtes Schönheitsideal bezüglich der Körperproportionen gibt. Ich verstehe ihre Meinung. Man muss aber bedenken, dass die Models, die diese vermeintlich idealen Proportionen besitzen, noch immer füllige Frauen sind, die lange Zeit benachteiligt und aus dem Mode-Mainstream ausgeschlossen wurden. Wir müssen sie unterstützen und stolz auf sie sein, denn sie haben erreicht, was vor fünf Jahren undenkbar gewesen wäre. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass diese Proportionen nicht zu einem neuen Schönheitsstandard werden. [gallery ids="14860,14855,14864,14856,14857,14863,14858,14859,14861,14854"] Inwiefern hängen Body Positivity und Feminismus zusammen? Ganz eng! Im Feminismus habe ich das erste Mal eine Stimme gefunden, die mir sagte, dass ich viel mehr sei, als mein Aussehen – auch wenn andere meine Arbeit nicht nach meinem Können, meiner Stärke und meiner Kreativität, sondern anhand meiner Figur bewerteten. Ich selbst wurde von Frauen großgezogen, die ihren Wert an ihrem Körper festmachten, an der Art und Weise, wie andere sie sahen. Je fülliger sie waren, desto weniger waren sie sich selbst wert. In Wirklichkeit waren sie tolle, kreative und smarte Frauen, die auf einander Acht gaben. Die Möglichkeit, an ihren Fähigkeiten wachsen zu können, wurde ihnen dadurch genommen, dass Menschen ihnen sagten, sie seien fett und nichts wert. Wie vielen Frauen wird bitte gesagt, sie hätten zu kleine Brüste? Und wie viele haben dadurch das Gefühl, wertlos zu sein? Männer müssen sich mit diesen Dingen nicht herumplagen, aber Frauen begegnen dieser sexistischen Denkweise jeden Tag. Sie hat zum Ziel, dass wir an Selbstbewusstsein verlieren und uns gegenseitig hassen. Dass du und ich hier gemeinsam sitzen und uns offen über unsere so verschiedenen Körper unterhalten – das hätte es ohne den Feminismus gar nicht gegeben. Zurück zur Mode. Wie hat sich dein eigener Stil entwickelt? Ich bin wirklich faul geworden. Als ich jünger war habe ich mich echt noch ins Zeug gelegt und High-Heels getragen. Heute kann man mich dazu nicht mehr überreden. Außerdem habe ich damals gerne enge Klamotten getragen, das mag ich heute zum Beispiel gar nicht mehr. Ein Freund von mir – er ist auch „fat“ – sagte letztens zu mir: „Ach Beth, unsere Zwanziger waren für sexy Auftritte da. In unseren Dreißigern tragen wir Umhängetaschen.“ Früher habe ich meinen Körper übersexualisiert. Heute habe ich das Gefühl, endlich im Einklang mit meinem Stil zu sein. Du bist offen homosexuell und seit letztem Jahr mit deiner Jugendfreundin verheiratet. Als du gemerkt hast, dass du auf Frauen stehst – hat das deinen Stil beeinflusst? Viele Mädchen laufen dann ja plötzlich wie ein Typ herum. Ja, total! Wenn du als Frau homosexuell bist, kann es wirklich kompliziert werden. Wenn du wie ich eine Femme bist, präsentierst du dich wie eine Frau. Du trägst Make-Up, stylst dich feminin. Als Butch kleidest du dich wie ein Typ. Häufig ist es so, dass die Butches lange unterdrücken, dass sie sich eigentlich männlich fühlen. Daher kommt es, dass sich diese Frauen bis zu ihrem Coming Out meistens sehr weiblich stylen. Bei mir war es genau andersherum der Fall. Zu Schulzeiten habe ich mich immer sehr maskulin gekleidet – ich dachte, so müsse man eben herumlaufen, wenn man auf Frauen steht. Irgendwann habe ich dann ein paar Femmes kennengelernt und gedacht: „So will ich eigentlich auch aussehen!“ Daraufhin habe ich meine Haare wachsen lassen. Ich kenne viele Femmes, die zunächst dachten, sie seien ein Butch. Es ist ein wirklich witziges Phänomen. Und wie kamst du damals auf die Idee, dass du dich als lesbische Frau maskulin kleiden musst? Die einzige Informationsquelle, zu der ich Zugang hatte, war Feminismus 101 Literatur. Darin haben sie viel über Make-Up und Weiblichkeit geschrieben und erklärt, wie all dies Teil der Unterdrückung von Frauen durch Männer sei. Irgendwann habe ich dann den Punk-Rock Feminismus entdeckt, mit John Waters Filmen und den ganzen Drag Queens. Da habe ich gemerkt, dass Make-Up doch ziemlich queer ist und meine Identität eigentlich ziemlich gut repräsentiert. Es ist also nicht so, als hätte ich Druck verspürt, auf eine bestimmte Weise auszusehen. Ich musste damals einfach herausfinden, wer ich wirklich bin. Und mich von gewissen Vorstellungen lösen. Als junges Mädchen hast du wirklich Angst davor, dass jemand herausfinden könnte, dass du lesbisch bist. Besonders wenn du ein Butch bist. Du hast das Gefühl, dich verstecken zu müssen. Hast du jemals den Film „Ma vie en Rose“ aus den Neunzigern gesehen? Er handelt von einem kleinen Jungen, der lieber ein Mädchen sein möchte und sich in den Nachbarjungen verliebt. Er ist wirklich toll. Schau ihn dir unbedingt an. Donald Trump sagte letztens, dass er die gleichgeschlechtliche Ehe wieder abschaffen will, sobald er Präsident ist. Angenommen du hättest fünf Minuten mit ihm. Was würdest du ihm sagen? Ich will erst gar nicht mit ihm reden müssen. Wofür schon? Es gibt nicht viele Menschen in meinem Leben, denen ich Krankheiten oder sogar den Tod an den Hals wünsche, aber er wäre einer davon. Mich interessiert es nicht im Geringsten, was mit ihm passiert. Er besitzt keinen Funken Menschlichkeit, er ist einfach nur verrückt, ja geistesgestört. Da siehst du, was Geld aus Menschen machen kann. Vollkommen deiner Meinung. Wie kommt es, dass er bei den Vorwahlen so erfolgreich ist? Die amerikanischen Vorwahlen sind eine solche Celebrity-Schwachsinns-Show. Er mag im TV vielleicht gute Ratings erzielt haben, weil sich manche von seinen prunkvollen Auftritten blenden lassen. Aber ehrlich gesagt kenne ich persönlich keine einzige Person, die ihn wählen würde oder überhaupt ernst nimmt. Letzteres könnte eventuell gefährlich werden. Jeder denkt, dass er es eh nicht schaffen wird. Aber es gibt tatsächlich Menschen in Amerika, die ihn wählen werden. Eine schaurige Vorstellung. Ich weiß, was du meinst. In Deutschland gibt es eine aufstrebende rechtspopulistische Partei, die niemand ernst nimmt. Aber ihre Wahlerfolge sind erschreckend. Ja, davon habe ich gelesen. Das ist super unheimlich. So sehr man einige Politiker hasst, man muss sie trotzdem ernst nehmen. Ich würde nie sagen, dass Trump es auf gar keinen Fall schaffen könnte, denn den Amerikanern kannst du in der Hinsicht nicht über den Weg trauen. Sie sind seltsam. In ihrem Denken eingeschränkt. Denen hat man ordentlich den Kopf gewaschen. Wenn man über Amerika spricht muss man bedenken, dass wir einen ganz anderen Zugang zu Kultur besitzen als ihr Europäer. Amerikaner reisen nicht viel außerhalb ihres eigenen Landes. Du kannst 12 Stunden unterwegs sein und bist noch immer in Amerika. Viele kennen nur eine Kultur – ihre. Du selbst bist ja in einem kleinen Ort im Süden der USA groß geworden. Wie kann man sich dein Leben als homosexueller Teenie dort vorstellen? Ich bin in einer sehr rechts-konservativen und christlichen Stadt aufgewachsen. Ich hatte aber das große Glück in eine unglaubliche und tolerante Familie hineingeboren worden zu sein. Meine 74-jährigeTante war die Coolste von allen. In dem Jahr als Obama gewählt wurde, besuchte ich sie einmal in ihrem Haus. An ihrer Küchenwand hing ein Foto von Obama. Also fragte ich sie: „Oh, Tante Nancy, wirst du Obama wählen?“ Tante Nancy – sie hatte fast gar keine Zähne mehr im Mund – nuschelte mir nur zu: „Obama ist mein Ehemann.“ Das steht wirklich sinnbildlich für meine Familie. Sie sind witzig, aufgeschlossen, sehr menschlich und smart. Okay, der ein oder andere Onkel ist vielleicht ein bescheuertes Arschloch, aber schwarze Schafe gibt es ja in jeder Familie. Im Großen und Ganzen kann ich mich aber sehr glücklich schätzen. Wer sind deine Stil-Ikonen? Ich liebe Leigh Bowery, Madonna und David Bowie. Ich vergöttere ihn so sehr. Nicht zu vergessen Miss Piggy, habe ich gelesen. Miss Piggy ist mein kostbarster Diamant. Schon immer. Sie ist so chic. Sie war eine herausragende Ikone für ein kleines Mädchen, wie ich es damals war. Sie war unnachgiebig, selbstbewusst und bossy, immer die Anführerin der Gang, sehr glamourös, hat ihr Ding durchgezogen, sich am Zeitgeist orientiert, sah immer großartig aus. Sie war so ein guter und wichtiger Einfluss für mich als Kind. Wer ist heute das Idol der Mädchen in Deutschland? Die Eisprinzessin. Elsa, die Eisprinzessin? Aus Frozen? (Beth schreit auf) Ja. Ich habe ihn ehrlich gesagt noch nicht gesehen. Du musst ihn sehen! „Let it go, let it goooo…“ (Beth beginnt mit dramatischer Miene zu singen). Elsa ist solch eine Feministin! Der Film handelt von einer Schwester-Schwester-Beziehung. Natürlich habe ich ihn zusammen mit meiner großen Schwester gesehen. Ich liebe meine große Schwester. Mir sind die Tränen also nur so herunter gekullert. Der Film war so emotional und aussagestark. Mich persönlich hat ja besonders der Part abgeholt, wo Elsas kleine Schwester singt: „Do you want to build a Snowman?“ Und ich nur so: „Yaaaaa“ (Beth singt). Haha. Ich glaube, man muss eine Schwester haben, um zu verstehen, was ich meine. Da du schon am Singen bist. Wie geht’s bei dir in musikalischer Hinsicht weiter? Bald erscheint mein erstes Soloalbum, an dem ich zwei Jahre lang gearbeitet habe. Es wird etwas ganz Neues, mit viel Gesang, leicht Südstaaten angehaucht. Außerdem will ich bald wieder in kleineren Clubs spielen, darauf freue ich mich besonders. Vielen Dank für das Gespräch! Bilder: Julia Zierer