Man

Vogelfrei

Das Verlässliche: seine Unberechenbarkeit. Und Schauspieler Jürgen Vogel, 50, arbeitet zudem weiter an seiner Rockstimme
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Die Sache arbeitet noch an ihm. Erstmals gespürt hat Jürgen Vogel die Macht vor rund 15 Jahren. Er stand in einem Orkan aus Bierdunst und Pogo-Wellen, der ihm von unten aus dem Publikum entgegenschlug. Der Schauspieler verkörperte damals den Sänger Marcus Hansen für ein Musiker-Road-movie namens »Keine Lieder für die Liebe«. 

»Die Band war eine tolle Station in meinem Leben«, sagt der 50-Jährige. »Ich hätte mir auch gewünscht, dass wir so alle zwei Jahre ein Album machen, doch die anderen hatten genug zu tun, sodass es sich leider nicht ergeben hat.« Die anderen, das waren unter anderem Gitarrist Markus Wiebusch (Kettcar) und Schlagzeuger Max Schröder (Tomte), stilprägende Protagonisten der Hamburger Schule. Und die Hansen-Band, die live auftrat (und dabei für den Streifen gefilmt wurde) genießt einen gewissen Mythos im deutschen Indierock-Kosmos

 Jürgen Vogel, 68er Jahrgang, gebürtiger Hamburger und heutiger Überzeugungsberliner, gerät schon allein aufgrund dieser Vergangenheit nicht in den Verdacht, zum derzeit florierenden Typus „Schauspieler, der nun auch noch singt“ zu zählen. Musik hat ihn in seinem Leben immer begleitet, und er scheint daraus Energie zu ziehen, statt mit der Attitüde des coolen Allroundkünstlers hausieren gehen zu wollen. 

Wen der durchtrainierte Schauspieler in sein Herz geschlossen hat und zu fassen kriegt, der muss mit seiner kräftig zupackenden Zuneigung rechnen. Schauspielkollege Richy Müller, angereist vom Chiemsee, ist darin sehr geübt, als er Vogel beim Berliner PR-Termin für den gemeinsamen Film »So viel Zeit« trifft. Als sich die zwei aus ihrer innigen Umarmung lösen, zieht Müller ein Schwarz-Weiß-Foto auf sein Smartphone-Display. Es zeigt zwei langhaarige Typen in einem Nachtclub. »Richy, irgendwann müssen wir mal ein Buch über diese Zeit schreiben«, sagt Vogel mit seinem breitesten Zahnlückenlachen. 

Der Film »So viel Zeit« handelt von Freunden, die ihre vor 30 Jahren aufgelöste Band »Bochums Steine» für ein einmaliges Konzert wieder zusammenbringen möchten. Ähnlich lange liegen die Erlebnisse zurück, als die zwei Schauspieler ganz am Anfang ihrer Karriere in einer Berliner WG zusammenlebten. Ihr zweites Zuhause war damals der Dschungel, der durch Musiker wie David Bowie oder Iggy Pop legendär gewordene Club in Schöneberg. »Das war Mitte der Achtziger eine sehr geile Zeit in Berlin. Es war das Zentrum der Subkultur«, so Vogel. »Musikalisch ist unheimlich viel passiert: die Einstürzenden Neubauten, Rio Reiser, Fehlfarben oder die Nina Hagen Band.«

Die Songs, die Vogel jüngst mit der Kino-Allstar-Band aus Jan Josef Liefers, Armin Rohde, Matthias Bundschuh und Richy Müller einspielte, beschwören auch den Geist der Achtziger, allerdings mehr auf solider Rock-Basis der Marke Scorpions (die auch einen Gastauftritt haben). Der Underground-Liebhaber Vogel hatte dennoch seinen Spaß an der Rolle des schrägen Ole, der seine Ruhrpott-Kumpels einst im Stich ließ und sich nun mit Hipster-Bart in der unterkühlten Berliner Kunstwelt bewegt. Unter der Regie von Philipp Kadelbach, einem der besten deutschen Serienerzähler (von »Unsere Mütter, unsere Väter« bis »Das Parfum«) gerät das Freundschafts-Rock-Revival nach dem Buch von Frank Goosen zur Vorlage für ein Ensemble, das sich bestens kennt und spürbar Lust auf die pointierten, erfreulich unsentimentalen Wort- und Akkordwechsel hat. Dabei geht es um die großen Dinge im Leben eines Mannes: Midlife-Schlappheit, verpasste Chancen, der näher rückende Tod. »Es herrschte eine große Gelassenheit«, erinnert Vogel die Dreharbeiten. Bei den Konzertparts habe ihm seine Marcus-Hansen-Erfahrung enorm geholfen: »Beim Singen muss man viel riskieren und die Hosen runterlassen. Aber meine Performance habe ich jetzt sogar als besser empfunden.« Warum? Vogel: »Nicht mehr so viel Gezappel.«  

Es war nicht nur ein Wiedersehen mit seinem wilden WG-Freund Richy Müller (der sich als Stuttgarter »Tatort«-Kommissar etabliert hat). Auch mit Armin Rohde ist die freundschaftliche Bande sehr eng. Für beide war Sönke Wortmanns Komödie »Kleine Haie« Anfang der Neunzigerjahre ein Schlüsselerlebnis: Während Rohde (»Bierchen«) vom Bochumer Theaterspieler zum Film-Unikum avancierte, glich Vogels Rolle dem wahren Leben: Ähnlich wie Tellerwäscher Ingo, der mit seiner Unbefangenheit eine Schauspielprüfung zu seinen Gunsten sprengt, etablierte sich der in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Sohn eines Kellners im deutschen Kino und Fernsehen. Er jobbte als Barmann oder Paketausfahrer, und mit kleinen Rollen, überwiegend verstörte Jugendliche oder Klein-Kriminelle, machte der Autodidakt zunehmend auf sich aufmerksam. Der Vogel – ein echter Charakter. Und einer, bei dem man bis heute das Gefühl hat, er sei aus der Wirklichkeit aufs Filmset gestolpert, um dort mit seiner Eindringlichkeit und rohen Natürlichkeit die Szene schnell zu beherrschen. Für die Rolle eines an sich selbst verzweifelnden Triebtäters (»Der freie Wille«) wurde der zweifache Vater 2006 mit dem »Silbernen Bären« ausgezeichnet. Dieser intensive Kraftakt zeigte: Mehr als die meisten seiner Kollegen ist Vogel bereit, sein Innerstes rücksichtslos auszuloten. »Nackt« hieß 2002 treffenderweise der Doris-Dörrie-Film, in dem Vogel der Tristesse einer Partnerschaft komische wie schmerzhafte Züge abringt.  

Auch wenn Vogel gerne hemmungslos lacht und eine Ader zum anarchistischen Blödsinn hat, bringt er es fertig, auf dem Schauplatz der dominanten Wohlfühlkomödie allenfalls mit Cameo-Auftritten (»Keinohrhasen«, 2007) lächelnd vorbeizuschauen. Der Schauspieler sträubt sich gegen das Vorhersehbare, spielt lieber eine ihm liegende kleine Rolle, als sich als Hauptdarsteller zu verbiegen – und zählt dennoch zu den populärsten deutschen Filmstars. Er lehnt vieles ab, konsequenterweise auch noch immer Interviews mit Boulevard-Zeitungen. 

Im Grunde ist Vogel der kleine Hai, dieser mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn ausgestattete Underdog geblieben. Ein unverwechselbarer, aber mittlerweile auch rarer Typ. Sein Möchtegern-Hipster aus »So viel Zeit« ist die krasse Ironie. Vogel hat ein anderes Berlin-Bild: »Warum ich hier gerne lebe? In Berlin kannst du auch eine Zeit lang erfolglos sein, ohne dass die Menschen dich schief anschauen. In Mitte gibt es zum Beispiel eine Bar, in der du so viel für deinen Wein zahlst, was du gerade hast. Und auch als Musiker muss man hier nicht die große Kohle verdienen. Ich höre mir gerne Singer-Songwriter an, die mit Gitarre im Mauerpark auftreten. Das ist richtig geile Musik, die sie selbst auf CD pressen. Die finden auch ihr Publikum.«

Text: Uwe Killing

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