Kunst

Warum der »Hugo Boss Prize« so bedeutend ist

Seit 1996 werden alle zwei Jahre mit dem »Hugo Boss Prize« internationale Künstler ausgezeichnet und gefördert, deren Gesamtwerke für die Entwicklung der zeitgenössischen bildenden Kunst ausschlaggebend sind. Während der 12. Verleihung im Oktober 2018 traf L’Officiel Art die Siegerin Simone Leigh, sowie Richard Armstrong, den Direktor des Partnermuseums Guggenheim New York und Nancy Spector, die künstlerische Leiterin
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SIMONE LEIGH Gewinnerin des Hugo Boss Prize 2018

Über den Sieg.

Jede Prämie ist ein Anfang: Plötzlich musst du dich entscheiden, was du damit machen willst. Eine Auszeichnung zu erhalten bedeutet, neue Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Es ist, als ob ich auf den Schultern vieler Menschen stünde: Wenn die Geschichte anders verlaufen wäre, hätten ebenso auch andere diese Auszeichnung erhalten können und vor allem genauso verdient. Jetzt spüre ich eine Verantwortung ihnen gegenüber. Hilma Af (noch bis zum 23. April 2019 im Guggenheim Museum zu sehen) hätte diese Auszeichnung beispielsweise verdient.

Über die Entscheidung, Künstlerin zu werden.

Ich habe lange mit mir gekämpft. Ich komme aus einer sehr religiösen Familie – mein Vater ist Pastor und andere Familienmitglieder Missionare. Sie kamen als Einwanderer aus Jamaika. Ich habe an einer religiösen Universität studiert, dort gab es einen ausgezeichneten Keramiker, Mickael Biderman, ein ehemaliger Schüler von Warren MacKenzie, selbst ein Schüler von Bernard Leach – so erhielt ich eine solide, fast altmodische Ausbildung, die in der Kunstwelt eher ungewöhnlich ist. Dann nahm ich an Kursen am Smithsonian Institute teil, um über westafrikanische Keramiker zu forschen. Ich denke, ich war etwa fünf Jahre alt, als ich den Wunsch merkte, Künstlerin zu werden. Ich wachte immer früher auf, manchmal um drei Uhr morgens, um Zeit zum Üben zu haben. Heute merke ich erst, dass ich das alles sehr ernst genommen habe.    

Über die Wahl von Ton als Ausgangsmaterial.

Die Entscheidung ist fast zufällig gefallen. In der amerikanischen Tradition der Töpferei gibt es eine Methode, die weitgehend von Bernhard Leach inspiriert ist: In der Uni habe ich japanische Techniken mit Glasur, Pinseln und anderen Werkzeugen gelernt – sehr überrascht, dass es mitten in Indiana eine japanische Töpferei gibt. Sie hat mich komplett in ihren Bann gezogen. Keramik steht für ein eigenes Lebensgefühl, das mir schon immer gefallen hat.

Über die Wegbereiter, die dem »Unsichtbaren« eine Stimme gaben – Jean-Michel Basquiat, Kerry James Marshall, Theaster Gates, Arthur Jafa …

Alle diese Künstler sind Männer, was sehr wichtig ist. Sie kennen die Formulierung »Alle Frauen sind weiß und alle Schwarzen sind Männer«. Ich glaube, dass der intellektuelle Beitrag der schwarzen Frauen noch nicht ausreichend beachtet wurde. Sie wurden ignoriert, aber sie sind da. Ich glaube dennoch, dass es heute ein Bewusstsein, eine progressive Entwicklung gibt.

NANCY SPECTOR Künstlerische Leitung Guggenheim Museum

Die Werke der Gewinner werden im Guggenheim ausgestellt. Haben Sie in dieser langjährigen Beziehung mit Hugo Boss, einem starken Partner, die nötige Freiheit, um Ihre kuratorische Expertise einzusetzen?

Alle zwei Jahre sind wir für die Zusammenstellung einer Jury verantwortlich, die sich aus Mitgliedern des Guggenheims, Kuratoren und Direktoren von Museen und Institutionen aus der ganzen Welt zusammensetzt. Jedes Mitglied schlägt zehn Künstler vor. Am Ende der ersten Sitzung der Jury wird die Auswahl auf sechs Kandidaten reduziert. Seit zwanzig Jahren dient uns der Preis als Barometer bei der Gestaltung von Ausstellungen und Ankäufen; jedes Jahr versuchen wir Werke von allen Finalisten zu erwerben. Die Jurymitglieder repräsentieren einen breiten Querschnitt durch die Kunstwelt und liefern uns wertvolle Informationen über zeitgenössische Künstler, die Aufmerksamkeit verdienen. Wir nutzen das Erbe des Hugo-Boss-Preises voll aus, indem wir Werke in unsere Sammlungen integrieren. Diese Ausstellungen sind zu einem wichtigen Bestandteil unseres zeitgenössischen Programms geworden.

Wie spiegelt sich neben der Finanzierung des Preisgeldes noch die Unterstützung von Hugo Boss wider?

Neben dem Preisgeld von 100.000 US-Dollar ist Hugo Boss für alle Kosten der Jury und die Ausstellung des Gewinners verantwortlich. Der Preis hilft uns aber auch, eine strategische Ausrichtung unserer Sammlungen zu entwickeln, denn der Juryprozess ist eine Gelegenheit, Menschen aus aller Welt zu gewinnen. Experten, Museumsleiter, Kuratoren und Kritiker tragen alle zum kollektiven Wissen bei und wir können viel von ihnen lernen. Sie stellen uns auch manchmal Künstler vor, die wir nicht kennen, weil sie aus Afrika – wie in diesem Jahr – oder aus Asien kommen. Da ich von Anfang an mitgearbeitet habe, habe ich keine einzige Verleihung verpasst. Wir haben auch jüngere Kommissionsmitglieder beauftragt, damit der Preis modern bleibt.

 

Der Hugo Boss Prize ist eine der wenigen Auszeichnungen, die keine Einschränkungen in Bezug auf Alter, Nationalität oder Medium vorsieht.

Es ist in der Tat der einzige Preis, der so vielfältig ist und weder Geschlecht noch Alter oder Herkunftsland einbezieht. Als der Preis 1996 ins Leben gerufen wurde, spiegelte dieses Prinzip den visionären Geist von Hugo Boss wider. Es ist ein wirklich inspirierendes Sponsoring, und von Anfang an war das Unternehmen ein unglaublich produktiver Partner. Es ist sehr ungewöhnlich, über einen so langen Zeitraum eine solche Unterstützung zu erhalten. Wir haben eine lange und fruchtbare Beziehung zu Hugo Boss. Sie unterstützten damals sofort die Idee eines offenen Preises. 2010 gewann mit Hans-Peter Feldmann zum Beispiel jemand den Preis, der deutlich älter war als die bisherigen Sieger, aber einfach nie die Aufmerksamkeit bekam, die er verdient hatte.

Welche Rolle spielen Sie persönlich bei der Verleihung des Preises?

Als Thomas Krens, der ehemalige Direktor des Guggenheims, den ersten Austausch mit Hugo Boss begann, hatte er die Idee, einen Preis zu kreieren und bat mich, seine Skizzen zu präzisieren. So hatte ich die außergewöhnliche Gelegenheit, mir die Struktur des Preises auszumalen. Damals war ich sehr inspiriert vom Turner Preis, aber es ging nicht darum, sich auf amerikanische Künstler zu beschränken oder gar einen Rahmen zu schaffen. Die Idee war, den Preis so offen wie möglich zu halten und dieses Prinzip wurde bis heute beibehalten. Es geht darum, Qualität in der Welt der zeitgenössischen Kunst zu fördern. Ziel ist es, einen Künstler zu finden, der schon zu Beginn oder in der Mitte seiner Karriere die Spielregeln ändert, einen unvergesslichen Beitrag leistet und seine Zeit prägt. Darüber hinaus ist es unser Ziel, nicht nur den preisgekrönten Künstler hervorzuheben, sondern auch alle Finalisten, die unserer Meinung nach eine bestimmte aktuelle Szene widerspiegeln. Aus diesem Grund erstellen wir einen Katalog, der die Werke der einzelnen Künstler präsentiert, was für sie ein wichtiges Kommunikationsmittel ist. Jeder von ihnen profitiert von einem unveröffentlichten Text, der von einem Kunsthistoriker, Kritiker oder Kurator verfasst wurde.

Denken Sie, dass das Modell, das Sie mit aufgebaut haben, nun auch andere Unternehmen inspiriert?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt eine Vielzahl von Kunst-Preisen, weit mehr als zu Beginn der 90er Jahre. Die Verbindung zwischen Mode und Kunst hat eine lange Historie und im Laufe der Jahre sind sehr fruchtbare Partnerschaften entstanden. Ich glaube, dass der Hugo Boss Prize dieses Gespräch fortführt und bereichert. Eine Kooperation, die von beiden Seiten sehr geschätzt wird.

Wie schätzen Sie die Wahl der Siegerin ein?

Simone Leigh ist mit Sicherheit keine Nachwuchs-Künstlerin mehr. Ich denke viel eher, dass sie heute den Höhepunkt der Glaubwürdigkeit erreicht hat. Es war höchste Zeit, dass ihr Werk auf diese Weise anerkannt wurde. Ihre Arbeit spiegelt eine unglaubliche künstlerische Raffinesse wider. Sie sagt, dass ihre Arbeit von einer schwarzen Frau für schwarze Frauen gemacht wird, ein wichtiges Thema. Für uns alle, sowohl im Museum als auch alle Mitglieder der Jury ist es eine Art Glaubensbekenntnis. Wir möchten sie unterstützen, damit sie neue Werke erschaffen kann und eine Ausstellung in den Vereinigten Staaten aufbauen kann.

RICHARD ARMSTRONG Direktor des Guggenheim Museums

Wie beurteilen Sie den Stellenwert der privaten Förderung in den künstlerischen Projekten von Museen und Institutionen in den Vereinigten Staaten und Europa?

In den Vereinigten Staaten ist dies ganz normal. Und ich glaube, dass sich das französische System weiterentwickelt. Die Zusammenarbeit zwischen dem Louvre und Abu Dhabi ist zukunftsweisend und wird den Museen, insbesondere den regionalen, zugutekommen. Ich stelle auch fest, dass große Sammler und Vermögende an verschiedenen Orten wie Arles, Paris oder anderswo investieren, und meiner Meinung nach führt dies zu einer ausgewogeneren und damit wünschenswerteren Situation.

Mit der Verleihung seiner Auszeichnung im Jahr 1996, also vor mehr als 22 Jahren, war Hugo Boss ein Visionär. Zu dieser Zeit waren nur wenige Marken mit einer solchen Entschlossenheit an künstlerischem Schaffen beteiligt.

Zwischen Mode und bildender Kunst gibt es eine offensichtliche Verbindung: die Kreativität. Das Besondere an den Verantwortlichen von Hugo Boss ist, dass sie diesen Punkt vor den anderen wahrgenommen haben. Wenn Sie sich das Archiv des Hugo-Boss-Preises ansehen und die Liste der Nominierten und Gewinner aufschlagen (Matthew Barney 1996, Douglas Gordon 1998, Pierre Huyghe 2002, Tacita Dean 2006....), werden Sie feststellen, dass die von der Jury ausgezeichneten Künstler daraufhin großen Erfolg hatten. Was das Museum betrifft, so gibt es den Künstlern die volle Freiheit, absolut das zu tun, was sie wollen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Danh Vo traf die sehr radikale Entscheidung, die Arbeiten eines anderen Künstlers, Martin Wong, zu präsentieren, und Hans-Peter Feldmann zeigte das Preisgeld buchstäblich an den Wänden.

Wie würden Sie den Geist beschreiben, mit dem das Guggenheim diese Auszeichnung sieht?

So offen wie möglich: Wir sind es gewohnt zu sagen, dass wir ein Museum für die ganze Welt sind, und das müssen wir nach Kräften demonstrieren. Wir bemühen uns sehr, uns für Asien und Lateinamerika zu öffnen. Wir waren einst ein nordamerikanisches Museum mit starkem europäischen Fokus, und wir sind zu einem großen Museum der Welt geworden. Meiner Meinung nach spiegelt die Jury diesen Anspruch wider. Das ist eine der großen Kräfte der Kunst: Sie zeigt, dass sich Kreativität, auch wenn sie sich an einem bestimmten Ort manifestiert, auf die ganze Welt bezieht.

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