Fashion Week

Topografie bestickter Weiblichkeit

Das Modehaus Dior feiert sein 70-jähriges Jubiläum mit einer Haute Couture Kollektion, die sein feministisches Statement in reicher Gewandung präsentiert
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Dior Artistic Director Maria Grazia Chiuri hüllte uns mit ihrer Herbst-Winter 2017/18 Haute Couture Kollektion in einen esoterischen Zauber mit dem Duft ferner Länder. Inspiration fand sie bei dem Künstler Albert Decaris, dessen Kupferstich von 1953 aus dem Dior Archiv hervorging. Der Druck einer Karte der fünf Kontinente visualisiert auch die weltweite Entfaltung des Modehauses und geht mit einem Zitat von Christian Dior, dessen Autobiographie Dior by Dior Grundlage für den kreativen Schaffensprozess war, einher. Darin heißt es: „A complete collection should address all types of women in all countries.“

Chiuri begibt sich mit Dior auf eine Reise um die Welt und nimmt dabei die Perspektive jener Frauen ein, die zu den Zeiten der großen Entdeckungen patriarchale Grenzen überschritten. Eine wichtige Rolle spielte dabei die symbolische Aneignung der männlichen Garderobe, wie es am Beispiel der Forschungsreisenden und Schriftstellerin Freya Stark (1893-1993) sichtbar wird. Die von ihr getragenen Fedora-Hüte inspirierten Diors Hutdesigner Stephen Jones und wurden ebenso wie andere Anleihen der Männermode (darunter beispielsweise die klassische Aviator-Jacke) übernommen und neu interpretiert.

Eine weitere wichtige Inspirationsquelle für die Kollektion lag im Bereich der Esoterik. In einem Interview verrät Maria Grazia Chiuri: „Monsieur Dior was very fascinated with tarot and astrology. Me too.” Die feministische Aussage der Entwürfe spiegelt sich in der Verwendung von Tarot-Motiven auf den Textilien wider: „In tarot, there’s no distance between men and women. They speak about an idea of affinity.”

Dior Tarot-Mantel

Das Meisterstück der Kollektion ist ein Mantel, der in 1.500-stündiger Handarbeit mit den Karten des berühmten Visconti-Sforza-Tarotdecks bestickt wurde. Das Pariser Traditionsatelier Maison Vermont versah die Oberfläche des Kleidungsstücks mit den komplexen Stickereien und verwendete dabei feinste Materialien wie Satin, um den Goldschimmer des originalen Renaissance-Kartendecks nachzuempfinden.

Textiltechniken wie Sticken und Weben verweisen ebenfalls auf einen feministischen Kontext: bereits in der griechischen Mythologie waren es Frauen wie Arachne oder Philomela, die die Textilkunst nutzten um daraus Worte des Widerstands gegen die Unterdrückung durch ein patriarchales System zu weben. Der Dior Tarot-Mantel wird damit selbst zur Topografie bestickter Weiblichkeit und vermag es die Botschaft einer weiblichen Geschichtsschreibung auf seiner Oberfläche zu tragen.

Maria Grazia Chiuri im Interview über den "Tarot-Mantel"

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